Online-Bildung, Fernstudium

Vom Hirn zum Herz

Gertrud Wolf

Neurobiologische Botschaften an die Pädagogik

Eine Zeitlang sah es so aus, als würden die Hirnforscher das Lernen entschlüsseln und die Erziehungswissenschaft damit in die Bedeutungslosigkeit entlassen. Aber weit gefehlt. Wer sich aktuelle Befunde der Neurobiologie ansieht, misst der Pädagogik nur eine umso größere Relevanz zu. Dabei unterstützen die Kognitionswissenschaftler eine wichtige Erkenntnis: Lernprozesse sind soziale Prozesse und bedürfen einer sozialen Einbettung. Was sich so trivial anhört, hat aber bei Ernstnahme weitreichende Folgen für die Pädagogik: die Sozialkompetenz rückt vor die Methodenkompetenz und Beziehungsfähigkeit wird zum Schlüsselbegriff für pädagogisches Können. 

Die Entdeckung der Spiegelneurone verdanken wir einem kleinen Zufall aus dem Jahr 1996: Die beiden Neurowissenschaftler Giacomo Rizzolatti und Vittorio Galese führten am humanphysiologischen Institut der Universität Parma einige Versuche mit Schweinsaffen durch, um die biochemische Entladung bestimmter Nervenzellen der Großhirnrinde zu untersuchen. Im Fokus der Forscher standen also solche Zellen, die bei der Planung und Durchführung eigener zielgerichteter Handlungen maßgeblich beteiligt sind. Hierfür wurden Elektroden verwendet, die die chemischen Entladungen in den Affenhirnen registrierten und aufzeichneten, während die Affen bestimmte Handlungen ausführten. In einer Versuchspause - die Forscher hatten vergessen, das Aufzeichnungsgerät auszuschalten - griff ein Wissenschaftler unter den Augen eines Affen zu einem Gegenstand, worauf das Oszilloskop eine starke Entladung aufzeichnete, obwohl der Affe gar nicht in die Handlung involviert war. Die beteiligten motorischen Neuronen feuerten also wider Erwarten nicht bloß bei eigenen Handlungsprozessen, sondern sogar auch dann, wenn die Handlungen anderer beobachtet wurden. Dies war die Geburtsstunde der Spiegelzellen, die sich im weiteren Verlauf dann auch beim Menschen nachweisen ließen (vgl. Zaboura 2009).

Spiegelzellen sprechen nur dann an, wenn eine beobachtbare, zielgerichtete Handlung von einem lebenden Artgenossen durchgeführt wird. Sie ermöglichen also die Bewegungen und Handlungen des Gegenübers über den eigenen Körper empathisch nachzuvollziehen, ohne Zwischenschaltung des Bewussteins. So sind wir in der Lage, den Anderen quasi auf körperlicher Ebene zu verstehen und eine Brücke zu schlagen vom Sehen zum Begreifen: "Wenn Sie beobachten, was ein anderer tut, unterstellen Sie ja automatisch einen bestimmten Zweck und begreifen blitzschnell die Absicht dahinter. Und diesen Schluss - das ist das Aufregende an den Spiegelneuronen - vollziehen wir offenbar nicht durch abstraktes Nachdenken, sondern indem wir die beobachtete Aktion zunächst innerlich nachvollziehen. Das Fremde wird quasi automatisch in eigenes Handeln übersetzt." (Keysers 2006)

Fähigkeit zur Mentalisierung

Spiegelneurone bewirken also einen - auch emotionalen, allerdings unbewussten - Nachvollzug von beobachteten Aktionen und ermöglichen so einen somatischen Perspektivwechsel zwischen mir und meinem Gegenüber ohne Umweg durch den Verstand. Da die Spiegelneurone allerdings keine bewussten Zustände aktivieren, muss zum bewussten, intelligenten und reflektierten Verstehen des Anderen noch eine besondere Kompetenz erworben werden, die sog. Fähigkeit zur Mentalisierung. Diese Kompetenz zur weiteren Bedeutungs- bzw. Inhaltsübertragung wird im sozialen Miteinander erworben; sie wird gelernt. Damit können aus neurobiologischer Sicht sowohl Fragen als auch Aufgaben in Richtung der Pädagogik formuliert werden: Erstens heben die Theorien die Bedeutung des sozialen Lernens vehement hervor. Zweitens verweisen sie auch darauf, dass Lernsituationen grundsätzlich soziale Situationen sind. Insofern sind sie von einer Komplexität gekennzeichnet, die weit über ein gewieftes Methodensetting oder eine ausgeklügelte Moderation hinaus geht. Spiegelneurone verweisen auf die Relevanz der Authentizität in Lehr-Lernprozessen. Mit ihnen lässt sich nämlich auch das Scheitern von Lernprozessen in einem falschen Als-Ob-Modus verstehen, weil beim somatischen Perspektivwechsel folglich auch jenes Lehrerverhalten mit vollzogen wird, welches - wenn auch unbewusst - seine eigene Distanz zum Lernstoff, zur Lernsituation oder zum Lernenden vermittelt. Damit rücken Beziehungserfahrungen in den Vordergrund, die das pädagogische Geschehen beeinflussen. Ein Umstand, der auch für medienpädagogische Prozesse von Bedeutung ist. Erste Ableitungen für die Didaktik des Fernstudiums wurden hierzu bereits formuliert (vgl. Wolf 2009).

Sozialität Grundlage für erfolgreiches Lernen

Vor genau 100 Jahren beendete George Herbert Mead eine Darstellung über die soziale Situation der Schule mit folgendem Satz: "Was seine Erziehung angeht, wird ein Kind nicht durch Lernen sozial. Es muss sozial sein, um zu lernen." Die knappe Schlussfolgerung könnte ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen aktueller nicht sein. Die Bedeutung der Sozialität für Lernprozesse ist zwar von Pädagogen nie bestritten, aber doch selten so pointiert ausgesprochen worden. Mit seinem Schlusssatz - der auch für die Erwachsenenbildung weitreichende Folgen hat - nimmt Mead eine Aussage vorweg, die eine Schlüsselstellung innerhalb der Pädagogik einnehmen müsste, zumal sie zugleich ein wichtiges Diagnoseinstrument für das Misslingen von Lernprozessen zur Verfügung stellt: Geglückte Sozialität ist demnach die erste Grundlage für erfolgreiches Lernen. Alle anderen Begriffe wie Methode oder Lernsetting sind zwar wichtig aber nachrangig und außerdem auch auf ihre soziale Funktionsweise hin zu befragen. Inwieweit z.B. die Orientierung an einem Moderationsverständnis sinnvoll ist, das einer Philosophie der Nicht-Beteiligung folgt, ist deshalb ebenso diskutierenswert wie die Frage, ob man für PISA pauken kann und muss. Aus Sicht der Hirnforschung, so ließe sich jedenfalls provokant behaupten, ist Pädagogik in erster Linie eine Herzensangelegenheit. Es kommt nun darauf an, die professionellen Instrumente dafür zu entwickeln.

Keysers, C. (2006): Mit den Fingern denken. Gehirn & Geist 10, S. 34-36.
Wolf, G. (2009): Fernlernen aus der Nähe betrachtet: soziale Aspekte in der Didaktik des Fernunterrichts. In: Forum Erwachsenenbildung (2009), H.1, S. 67-71.
Zaboura, N. (2009): Das empathische Gehirn. Spiegelneurone als Grundlage menschlicher Kommunikation. Wiesbaden.

CI-Informationen 2010/1

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