Gender und Bildung, Frauenstudien und Frauenbildung

"Was Frauen, was Männern Sinn gibt"

Friederike Benthaus-Apel

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der religiösen Deutung von Lebenssinn

Mit dem Projekt "Was Frauen, was Männern Sinn gibt" wird in grundlagentheoretischer Absicht nach der Bedeutung des Geschlechts für religiöse Sinn- und Lebensdeutung gefragt. Ziel ist es, die Interdependenzen zwischen dem Wandel im Geschlechterverhältnis und dem Transformationsprozess von Religion, wie er in der religionssoziologischen Debatte um Prozesse der Individualisierung und Pluralisierung des Religiösen einerseits und fortschreitender Säkularisierung andererseits diskutiert wird, herauszuarbeiten und für die kirchliche Bildungsarbeit fruchtbar zu machen.

Welche Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede werden sichtbar, wenn man Frauen und Männer bittet zu erzählen, was ihrem Leben Sinn verleiht und hierbei die Aufmerksamkeit auf Prozesse des Doing Gender, also Prozesse des geschlechtstypischen Alltagshandelns und Sinndeutens, richtet. Sind in generationenvergleichender Perspektive Veränderungen des "Doing Gender" erkennbar und in welche Richtung entwickeln sich diese Prozesse? Wie wirken sie sich auf die Sinn- und Lebensdeutung von Männern und Frauen aus? Und welchen Stellenwert haben hierbei religiöse Deutungsmuster?

Es ist ein allgemein geteiltes Wissen in der Religionssoziologie und in der Frauen- und Geschlechterforschung, dass zwischen Religion und Geschlecht ein enger Zusammenhang besteht. Frauen, so zeigen religionssoziologische Studien, sind in der Regel kirchenverbundener und religiöser als Männer und dies gilt auch in ländervergleichender Perspektive (Ahrens 2000; Norris/Inglehart 2004). Andererseits ist festzustellen, dass das Geschlecht in Bezug auf wichtige Einstellungen hinsichtlich Kirche, Religion und Lebensdeutung keinen Einfluss besitzt. So erwarten beispielsweise Männer wie Frauen gleichermaßen, dass sich Kirche im Bereich von Diakonie und ritueller Lebensbegleitung engagiert. Und in Bezug auf die Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs erklären Unterschiede im Alter mehr Varianz als Unterschiede im Geschlecht (Benthaus-Apel 2006).

Studien, die sich mit der Besonderheit männlicher Formen der religiösen Sinn- und Lebensdeutung befassen, zeigen hingegen, dass es typisch männliche Formen des Umgangs mit der Institution Kirche und persönlicher Religiosität gibt (Volz/Zulehner 2008; Engelbrecht/Rosowski 2007). Insbesondere die von der evangelischen und katholischen Kirche gemeinsam in Auftrag gegebene Studie "Was Männern Sinn gibt" hat die Besonderheiten der Sinn- und Lebensdeutung kirchenferner Männer herausgearbeitet (Engelbrecht/ Rosowski 2007). Weil in dieser Studie Männer und Frauen jedoch nicht systematisch vergleichend untersucht wurden, ist, wie die Autoren selbst anmerken, die Frage nach wie vor unbeantwortet, welchen Stellenwert der Kategorie Geschlecht für Unterschiede in der Sinn- und Lebensdeutung von Männern und Frauen tatsächlich zukommt und wie diese zu erklären sind (Benthaus-Apel 2008).

Bislang werden geschlechtsspezifische Unterschiede in Kirchlichkeit und Religiosität erstens über Prozesse der geschlechtsspezifischen religiösen Sozialisation erklärt. Zweitens wird die geringere Einbindung von Frauen in die Erwerbsarbeit als ein wichtiger Faktor genannt und drittens wird auf Unterschiede in der Geschlechtsrollenorientierung verwiesen.

Aber sind diese Erklärungszusammenhänge noch tragfähig in einer Situation des gesellschaftlichen Wandels, welcher sich dadurch auszeichnet, dass Frauen stärker in die Sphäre der Erwerbsarbeit eingebunden sind und sich Sozialisationsprozesse in Familie, Schule und Ausbildung in einem bedeutenden Umbruch befinden?

Welche Konsequenzen haben die genannten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse für das Verhältnis von Religion und Geschlecht in modernen Gesellschaften? Diesen grundlegenden Fragestellungen widmet sich das Projekt, indem es untersucht, ob und inwiefern sich Frauen und Männer in der Bezugnahme auf religiöse und nicht-religiöse Weltsichten bei der Deutung von Lebenssinn unterscheiden. Diese Frage wird auch mit Blick auf verschiedene Generationen thematisiert, um Prozesse des religiösen und gesellschaftlichen Wandels erfassen zu können. Damit wird eine innovative Sichtweise für die Analyse des Wechselverhältnisses von Gender und Religion eingenommen und zudem an eine Schlüsselfrage moderner Religionssoziologie, nämlich die Frage nach der Konstruktion individueller Religiosität, angeschlossen.

Das Projekt folgt einem Mixed Methods Design. Mittels einer sekundäranalytischen Auswertung von Umfragedaten (ISSP 2008/ Religionsmonitor 2008) werden in einem ersten Schritt geschlechtsspezifische Unterschiede im Hinblick auf religiöse Einstellungen, religiöse Praxisformen und religiöse Stile in der Bevölkerung in Deutschland analysiert. Vertiefend werden in einem zweiten Schritt fallrekonstruktive Analysen "männlicher" und "weiblicher" Muster der (religiösen) Deutung von Lebenssinn durchgeführt. In beiden Untersuchungsschritten wird das Ziel verfolgt, herauszuarbeiten, welche Bedeutung der Kategorie "Geschlecht" für die individuelle Konstruktion von Lebenssinn zukommt und welche Bezüge dabei zu religiösen Deutungsmustern hergestellt werden.

Damit macht das Forschungsvorhaben einerseits den in der Genderforschung vertretenen Ansatz einer vergleichenden Konstruktion von Geschlechtlichkeit in Bezug auf die religionssoziologisch geführte Debatte über den Stellenwert des Wandels von Religiosität in spätmodernen Gesellschaften fruchtbar. Andererseits ist das Projekt darauf ausgerichtet, den im kirchlichen Kontext geführten Diskurs über geschlechtergerechte Bildungsarbeit in Kirche und Gesellschaft anhand von vergleichenden Forschungen zu Prozessen religiöser Sinn- und Lebensdeutung von Männern und Frauen durch Grundlagenforschung aufzuarbeiten.

Für die kirchliche Bildungsforschung, die religionspädagogische Forschung und die kirchliche Frauen- und Geschlechterforschung ist dieses Projekt von Bedeutung, weil das Verhältnis von Geschlecht und Religion bislang untererforscht ist. Und dieser Mangel an Forschung ist festzustellen, obwohl sich gerade in diesem Themenfeld etwas über die Bedingungen der Tradierungsfähigkeit, Vitalität und Produktivität von Religiosität im Allgemeinen herausfinden lässt. Ein Themenbereich also, der die Kirche als Institution unmittelbar betrifft. Es handelt sich somit um eine Studie, deren Ergebnisse für sehr unterschiedliche kirchliche, bildungspolitische, religionspädagogische und um Geschlechtergerechtigkeit bemühte kirchliche und gesellschaftliche Handlungsfelder anschlussfähig sein werden.

Literatur

Ahrens, Petra-Angela (2000): Frauen in der Kirche: Spielt das Geschlecht noch eine Rolle? In: Lukatis, Ingrid/Sommer, Regina/ Wolf, Christof (Hg.): Religion und Geschlechterverhältnis. Opladen, S. 101-114.

Benthaus-Apel, Friederike (2006): Kirchlichkeit, Religiosität und (religiöse) Sinndeutungsmuster von Männern. Unveröffentlichter Forschungsbericht im Auftrag der Männerarbeit der EKD. Köln.

Benthaus-Apel, Friederike (2008): Wie Männer glauben. Empirische Ergebnisse zur religiösen Weltsicht von Männern. In: Schlangenbrut. Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen 26, H.103, S. 39-41.

Engelbrecht, Martin/Rosowski, Martin (2007): Was Männern Sinn gibt - Leben zwischen Welt und Gegenwelt. Stuttgart.

Norris, Pippa/Inglehart, Ronald (2004): Sacred and secular. Religion and Politics Worldwide. New York.

Volz, Rainer/Zulehner, Paul M. (2008): Männer in Bewegung. 10 Jahre Männerentwicklung in Deutschland. Baden-Baden.

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