Gemeindepädagogik

Perspektiven der Gemeindepädagogik

Matthias Spenn

Eine Arbeitsgruppe unter Federführung des Comenius-Instituts hat sich im Auftrag der Kammer der EKD für Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend mit Fragen nach der künftigen Entwicklung von Gemeindepädagogik befasst. 

Literaturhinweis:
Lernwelten und Bildungsorte der Gemeindepädagogik
Bedingungen, Bezüge und Perspektiven
Spenn, Matthias; Haspel, Michael; Keßler, Hildrun; Land, Dorothee
Münster: Comenius-Institut, 2008, 37 S.
ISBN 978-3-924804-83-1
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Folgende Fragen sind zu klären:

  • Wie wirken sich die gesellschaftlichen Wandlungen in den Lebensbedingungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf gemeindepädagogische Arbeitsansätze aus?
  • Welche Auswirkungen hat die gesellschaftliche Diskussion um eine zukunftsfähige Bildung auf kirchlich- gemeindliches Bildungshandeln und die evangelische Bildungsverantwortung in der Gesellschaft?
  • Welche pädagogischen Mitarbeiter/- innen braucht die evangelische Kirche in der Kinder-, Jugend,- Familien- und Erwachsenen- (bildungs)arbeit und wie werden sie ausgebildet bzw. qualifiziert?

Dies sind Fragen, die nicht erst im Zusammenhang mit dem Impulspapier des Rates der EKD „Kirche der Freiheit“ (2006) und dem anschließenden Zukunftskongress in Wittenberg im Januar 2007 aufgebrochen sind. Die gesellschaftlich bedingten Veränderungen haben die kirchliche Arbeit längst erreicht, denn die Kirche und die „Nutzer/-innen“ kirchlicher Arbeit sind Teil dieser Prozesse. In den Kirchen sind Prioritätendiskussionen entbrannt um Arbeitsansätze, -schwerpunkte und Konzeptionen sowie um die Stellung zu gesellschaftlich relevanten Fragen wie der Chancengerechtigkeit. Worin bestehen die kirchlichen Kernaufgaben, welche Arbeitsschwerpunkte sind damit verbunden? Worin besteht der Bildungsauftrag der Kirche? Wie kann das Wissen über den christlichen Glauben in einer pluralen Gesellschaft weitergegeben werden? Wie soll zukünftig die personelle Ausstattung sein?
 
Gemeindepädagogik ist von all diesen Fragen betroffen, wiewohl der Begriff der „Gemeindepädagogik“ schillernd ist. Grundsätzlich wird er für vier Bereiche verwendet: als Sammelbegriff für kirchlich- gemeindliche Handlungsfelder mit pädagogischem Ansatz; für einen kirchlichen Beruf; als Dimension jedweder kirchlicher Praxis; als praxisleitende Theorie. Zu den Handlungsfeldern gehören die gemeindliche Kinder-, Jugend-, Erwachsenenarbeit, Gruppenarbeit mit stärker sozialpädagogischen Schwerpunkten, aber auch schulbezogene Arbeit, Erwachsenenbildung und Seniorenarbeit. Der Beruf „Gemeindepädagogin/ Gemeindepädagoge“ ist je nach Ausbildungseinrichtung und Anstellungsträger ganz unterschiedlich profiliert. Gemeindepädagogen/- innen arbeiten als Religionspädagogen in der Schule, in Kirchengemeinden, Kirchenkreisen, bei Verbänden, in der landeskirchlichen Aus,- Fort- und Weiterbildung, in Geschäftsstellen der Jugendverbände oder sind auch mit pastoralen Aufgaben betraut. Als Dimension befragt Gemeindepädagogik alle kirchliche Praxis, auch pastorale Dienste und kirchliches Leitungshandeln, nach ihrer pädagogischen Relevanz, und als praxisleitende Theorie verknüpft Gemeindepädagogik Elemente aus Theologie und Religionspädagogik, allgemeiner Erziehungswissenschaft, Erwachsenenbildung, Sozialwissenschaft und Sozialpädagogik miteinander.
 
Vor allem in der Anfangszeit der 1980-er Jahre verbanden sich mit Gemeindepädagogik Hoffnungen auf Kirchenreform, Impulse zur Gemeindeentwicklung und zum Gemeindeaufbau. Für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der Gemeindepädagogik scheinen diese Intentionen weniger von Belang. Entwicklungsimpulse ergeben sich vielmehr aus der gesellschaftlichen Bildungsdiskussion: Was ist erforderlich, damit Bildungslebensläufe gelingen, Kinder und Jugendliche Lebensperspektiven und gesellschaftliche Teilhabe entwickeln können und das Zusammenleben gelingt? Der Stellenwert von Bildung und Erziehung vor und außerhalb der Schule ist stärker in den Blick gekommen. Welche Grundlagen werden in der frühen Kindheit in der Familie, im örtlichen Lebensumfeld, in Tagespflege oder Kindertageseinrichtung gelegt, was trägt Schule zu einer gelingenden Persönlichkeitsentwicklung bei? Was brauchen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, damit sie den Anforderungen des Lebens und speziell von Ausbildung und Arbeitsleben nach Verlassen der Schule gewachsen sind?
 
Diesen Fragen haben sich alle Bildungsakteure zu stellen. Für die Gemeindepädagogik ergeben sich daraus zwei Herausforderungen:
 
Gemeindepädagogik geht es zuerst um das Individuum und die Frage, wie kirchliches Bildungshandeln im Horizont des christlichen Glaubens zur Alltagsbewältigung und Lösung von Entwicklungsaufgaben beitragen kann. Dabei kommen sowohl kirchliche Angebote als auch Orte, Räume, zivilgesellschaftliche Netzwerke und Unterstützungssysteme im sozialen Nahraum in den Blick. Zu fragen ist etwa, inwiefern kirchliche Arbeit genügend Betätigungsfelder bietet, in denen Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung gefragt sind, sowie nach gemeindepädagogischen Konzepten zur Unterstützung und Integration von Kindern und Familien aus bildungsferneren Schichten oder von Schulversagern. Die Weitergabe christlichen Glaubenswissens oder christlicher Werte im engeren Sinn ist dabei nur ein Teilaspekt, denn evangelische Bildungsverantwortung richtet sich an alle Menschen und macht nicht an den Grenzen formaler Kirchenmitgliedschaft oder vor (vermeintlich) nichtreligiösen Themen halt.
 
Die zweite Herausforderung besteht im kirchlichen Engagement im Gemeinwesen. Bildung vollzieht sich nicht isoliert an einzelnen Lernorten. Menschen nutzen je nach Bedarf ganz unterschiedliche Angebote und verknüpfen sie in ihrer Person. Der zeitliche Umfang, den Institutionen zur Bildung, Betreuung und Erziehung beanspruchen bzw. ausfüllen, hat dabei stark zugenommen (z.B. Ganztagskonzepte in Kindertageseinrichtungen und Schulen). Gemeindepädagogik steht vor der Aufgabe, mit anderen Institutionen zu kooperieren und bei der Gestaltung von lokalen oder regionalen Bildungslandschaften mitzuwirken. Dazu gehören neben Schule und Kindertageseinrichtung alle anderen Bildungsakteure, Handwerk und Industrie im Lebensumfeld.
 
Wie können Bildungslandschaften gestaltet und vorhandene Ressourcen möglichst vielen zugänglich gemacht werden? Dies zu koordinieren, für den kirchlichen Bereich weiter zu entwickeln und die einzelnen Akteure zu qualifizieren, kann ein Schwerpunkt gemeindepädagogischer Beruflichkeit sein.

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