Gemeindepädagogik

Konfirmation, Konfirmandenzeit, Konfirmandenarbeit

Volker Elsenbast

Bundesweite Studie zur Konfirmandenarbeit

Etwa 250.000 Jugendliche eines Jahrgangs in Deutschland, also ca. 30%, nehmen jährlich an der Konfirmandenarbeit teil. Sie ist damit eines der stabilsten und am meisten in Anspruch genommenen Arbeitsfelder der evangelischen Kirche. Der zeitliche Umfang der Konfirmandenarbeit beträgt im Durchschnitt 70 Stunden, die Organisations- und Arbeitsformen sind dabei sehr unterschiedlich.

Konfirmandenarbeit ist nicht nur für die Kirche wichtig. Es werden keineswegs nur innerkirchliche Themen behandelt, sondern Jugendliche erhalten hier die Möglichkeit, Gemeinschaft und prosoziale Einstellungen zu erleben und sich mit Werten wie Verantwortung und Solidarität, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Toleranz auseinander zu setzen. Damit liegt die gesamtgesellschaftliche Bedeutung dieses Bildungsangebots auf der Hand

Um dieses wichtige Arbeitsfeld näher in den Blick zu nehmen, mehr über Motivationen und Interessen von Teilnehmenden und Akteuren, über Konzeptionen, Inhalte, Prozesse und Wirkungen zu erfahren und Entwicklungsperspektiven, Stärken und Problemlagen besser zu erkennen, schlugen die Universität Tübingen (Prof. Friedrich Schweitzer, Wolfgang Ilg), das Comenius-Institut (Dir. Volker Elsenbast) und das Kirchenamt der EKD (Oberkirchenrat Matthias Otte) den gesamtkirchlichen Gremien vor, eine bundesweite empirische Studie durchzuführen. Zum ersten Mal wurden neben Hauptverantwortlichen aus 635 Kirchengemeinden und den Mitarbeitenden (insgesamt ca. 1.500) systematisch Konfirmandinnen und Konfirmanden (ca. 11.000) befragt – zu zwei Zeitpunkten: im Herbst und etwa vier Wochen vor der Konfirmation – außerdem ca. 5.700 Eltern. Eine weitere Besonderheit: Die Gemeinden wurden repräsentativ für jede Landeskirche ausgewählt, sodass am Ende jede Landeskirche über einen eigenen aussagekräftigen Datenbericht verfügte. Eingebettet ist diese Untersuchung in eine Studie, die in insgesamt sieben Ländern durchgeführt wird (Dänemark, Deutschland, Finnland, Norwegen, Österreich, Schweden, Schweiz).

Konfirmandenarbeit wird mit hohem Anspruch betrieben. Den Verantwortlichen und Mitarbeitenden sind viele Ziele sehr wichtig: Die Jugendlichen sollen „die Bibel (besser) kennen lernen“ (85%), „Menschen kennen lernen, denen der Glaube wichtig ist“ (82%), „jugendgemäße Formen des Gottesdienstes erleben“ (87%) u.a.m. Die ‚kirchlichen‘ Themen (Abendmahl, Jesus Christus, Taufe usw.) sind für die Pfarrerinnen und Pfarrer weitaus wichtiger als für die Konfirmandinnen und Konfirmanden, bei ‚Freundschaft‘ und ‚Anderen Religionen’ verhält es sich umgekehrt. Interessant ist die Position der ehrenamtlich Mitarbeitenden: Sie liegen zwischen beiden Gruppen, sind also eine Art Mediatoren oder Themen-Scouts.

Die Jugendlichen kommen im Schnitt aus fünf verschiedenen Schulen pro Lerngruppe und lediglich Jugendliche aus Hauptschulen sind leicht unterrepräsentiert. Diese Integration ist erfreulich, aber mit Herausforderungen verbunden: Es wird schwieriger, den Nachmittag von den Schulen freizubekommen; die Konfirmandengruppe ist sehr heterogen; es ist fraglich, inwiefern an Vorkenntnissen und Vorerfahrungen aus dem jeweiligen Religionsunterricht angeknüpft werden kann. Und: Inklusion als Prozessqualität ist damit noch nicht erreicht.

Zeiträume und -umfänge variieren deutlich zwischen den Landeskirchen: die Gesamtdauer der Konfi- Zeit z.B. beträgt in Baden und Württemberg weniger als ein Jahr, im Norden und Osten sind 18 Monate und mehr üblich. Freizeiten gehören inzwischen zum Standard: Im Schnitt werden 3 Übernachtungen pro Konfirmandengruppe angegeben. Die Methoden sind zwar vielfältiger geworden, aber handlungs-, erfahrungs- oder erlebnisorientiertes Lernen findet nur in einem Teil der Gemeinden statt. Auch Vernetzungen mit anderen Arbeitsfeldern der Gemeinde sind noch wenig ausgeprägt.

Die Jugendlichen sind weitgehend zufrieden mit der Konfirmandenzeit, wobei sich die Zufriedenheit mit ‚Spaß‘ und mit ‚Themen‘ nicht ausschließen. Viele von ihnen machen positive Erfahrungen, wo sie sie zu Anfang gar nicht erwartet haben. Ihre Urteilsfähigkeit in Sachen christlicher Glaube und ihre Religiosität nehmen zu, allerdings mit der Tendenz, dass der ohnehin nicht hoch in Kurs stehende Gottesdienst am Ende als eher noch langweiliger erlebt wird. Einen deutlich positiveren Bezug zum Gottesdienst haben solche KonfirmandInnen, die jugendgemäße Gottesdienste erlebt haben und an der Gestaltung von Gottesdiensten beteiligt waren. Das Interesse, an einer kirchlichen Jugendgruppe mitzumachen, steigt von 18% auf 26%. Jugendliche mit Vorerfahrungen mit Kirche profitieren stärker von der Konfirmandenzeit. Andererseits: 15.000 Konfirmandinnen und Konfirmanden werden jedes Jahr getauft – der Anteil derer, die vor der Konfi-Zeit kaum Kontakt mit der Kirche hatten, ist beträchtlich und erfordert besondere Beachtung.

Fazit: Die Konfirmandenarbeit ist ein komplexes Bildungssystem, das seine Stärken (Methodenvielfalt, Freizeiten, Ehrenamtliche …), Probleme (Gottesdienst, Heterogenität …) und Chancen (Kooperation mit der Jugendarbeit, Partizipation der Jugendlichen …) hat.

Wie geht es weiter? Eine bundesweite Fachtagung für Verantwortliche und MultiplikatorInnen Anfang November im Religionspädagogischen Institut Loccum soll Schneisen für Handlungsperspektiven schlagen. Eine Datenbank mit Good-Practice- Beispielen soll der Entwicklung der eigenen Praxis dienen. Ein Wettbewerb mit einem Preis für „besonders gute Konfirmandenarbeit“ soll in Abstimmung mit den Landeskirchen für Innovationen sorgen. Mit einem Standard-Fragebogen für die Konfirmandinnen und Konfirmanden vor der Konfirmation kann mittlerweile die Konfirmandenzeit vor Ort ausgewertet und mit den EKD-Daten verglichen werden. Schließlich wären die Studie oder Teile von ihr zu wiederholen, da zeitliche Vergleiche noch tiefere Einblicke geben. Die Konfirmandenarbeit ist in der im Aufbau befindlichen evangelischen Bildungsberichterstattung als eigenständiger Bereich aufzunehmen.

W. Ilg, F. Schweitzer und V. Elsenbast in Verbindung mit M. Otte Konfirmandenarbeit in Deutschland. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2009, 400 S., Konfirmandenarbeit erforschen und gestalten, Bd. 3, ISBN 978-3-579-08088-8, 29,95 €

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