Gemeindepädagogik

Kompetenzen gemeindepädagogischer und diakonischer Berufe

Matthias Spenn

Die bildungsbezogenen Berufe in evangelischer Kirche und Diakonie sind von einem hohen Grad funktionaler, konzeptioneller, institutioneller und struktureller Differenzierung gekennzeichnet und in ihrer Vielfalt kaum überschaubar. Das ist für Studierende und sich qualifizierende Mitarbeitende, für Anstellungsträger und Bildungseinrichtungen und letztlich auch für das Profil und die Qualität der beruflichen Praxis und von Ausbildungseinrichtungen zunehmend problematisch. Ein EKD-weiter Konsultationsprozess unter Beteiligung von Akteuren aus den unterschiedlichen Bezugssystemen soll hier zu mehr Klarheit führen.

Bemühungen um Systematisierungen und zusammenhängende Perspektiven im EKD-Kontext etwa durch die Verabschiedung der "Grundsätze einer kirchlichen Berufsbildungsordnung für die gemeindebezogenen Dienste" durch den Rat der EKD (1996), den Text der EKD-Kammer für Theologie "Der evangelische Diakonat als geordnetes Amt der Kirche" (1996) oder der im Jahr 1998 von der Konferenz der landeskirchlichen Beauftragten für gemeindebezogene Dienste erstellte Überblick "Mitarbeiterin oder Mitarbeiter im gemeindebezogenen Dienst (evangelisch)" liegen lange zurück.

Seither treten manche Herausforderungen noch deutlicher zutage. Kennzeichen dafür sind u.a. die Zunahme der gesellschaftlichen Relevanz der Bildungsthematik mit der Orientierung am Leitgedanken "Bildung im Lebenslauf", die Zusammenschau von Bildungsorten und Lernwelten mit Vernetzungs- und Kooperationstendenzen zwischen unterschiedlichen Bildungsakteuren und -bereichen, die Thematisierung der Übergänge, die Schwerpunktsetzungen im Elementarbereich auf Bildung sowie frühe Bildung, Erziehung und Betreuung für 0-3-Jährige, aber auch die Einführung von Bildungsberichterstattung und Bildungspanel, die Einführung eines europäischen und nationalen Qualifikationsrahmens und die Modularisierung von Studiengängen im Zusammenhang des Bologna-Prozesses.

Die in diakonischen Ausbildungsstätten und evangelischen (Fach-) Hochschulen inzwischen entwickelten modularisierten Ausbildungs- und BA/MA-Studiengänge unterscheiden sich zum Teil erheblich voneinander - je nach Rahmenbedingungen und konzeptionellen Schwerpunktsetzungen in Landeskirchen und Bundesländern, in den gemeindepädagogischen und diakonischen Praxisfeldern, bei den kirchlichen und staatlichen Anstellungsträgern sowie in den Steuerungsund Unterstützungssystemen. Dies ist auf lange Sicht problematisch.

Die Konferenz der Ausbildungsleiterinnen und -leiter der Diakonenausbildung (KAL) im Verband evangelischer Diakonen-, Diakoninnen-und Diakonatsgemeinschaften (VEDD) und die Konferenz der Dekaninnen und Dekane der Theologischen und Religionspädagogischen Fachbereiche an den Evangelischen Fachhochschulen (KTRF) haben deshalb in Kooperation mit dem Comenius-Institut Münster eine Arbeitsgruppe eingesetzt (Prof. Dr. Gotthard Fermor, Bochum; Matthias Spenn, Münster; Prof. Dr. Gerd E. Stolz, Nürnberg; Dr. Thomas Zippert, Schwalmstadt), um einen Diskussionsvorschlag zu Kompetenzprofilen gemeindepädagogischer und diakonischer Beruflichkeit und Ausbildung FS/FH zu erarbeiten.

Das Ziel ist die Herausarbeitung gemeinsamer Schnittmengen, Kompatibilitäten und Anschlussmöglichkeiten zwischen vergleichbaren Ausbildungs- und Studiengängen (horizontal) und zwischen Ausbildungs- und Studiengängen an Fachund Hochschulen im Sinne einer Höherqualifizierung (vertikal). Das ist sowohl im Blick auf Studierende und sich qualifizierende Mitarbeitende erforderlich als auch im Sinn der Anstellungsträger und Bildungseinrichtungen, denn es führt zu mehr Transparenz und Vergleichbarkeit, Synergien durch Arbeitsteilungen sowie zur Profilierung und Erweiterung des Leistungsvermögens bei Ausbildungseinrichtungen und Hochschulen.

Der Diskussionsvorschlag orientiert sich hinsichtlich seines Kompetenzkonzepts am "Diskussionsvorschlag eines Deutschen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen" (DQR) vom Februar 2009. Wie der Europäische Qualifikationsrahmen konzentriert sich der DQREntwurf auf ausgewählte Merkmale, die für das Handeln in einem Lern- oder Arbeitsbereich relevant sind. Der DQR-Entwurf unterscheidet zwei Kompetenzkategorien ("Fachkompetenz", unterteilt in "Wissen" und "Fertigkeiten"; "personale Kompetenzen", unterteilt in "Sozial- und Selbstkompetenz") sowie acht Niveaustufen und benennt für die Stufen Anforderungsstrukturen sowie Kompetenzindikatoren, bezogen auf die Kompetenzkategorien.

Der DQR beansprucht, alle formalen Qualifikationen des deutschen Bildungssystems der allgemeinen, der Hochschulbildung und der beruflichen Bildung einzubeziehen.

Das formale Kompetenzmodell des DQR mit Kompetenzindikatoren und Anforderungsstrukturen beschreibt eine Metastruktur als Grundgerüst (Matrix), die je nach Themenstellung domänenspezifisch mit aufgaben- bzw. fachbezogenen/ kontextspezifischen Inhalten gefüllt werden kann. Dies ermöglicht, Ausbildungsprofile von Ausbildungseinrichtungen und Hochschulen sowie Schnittmengen zu angrenzenden Berufsfeldern, Anforderungs- und Berufsprofilen der Anstellungsträger, Bedarfe und Angebote der Fort- und Weiterbildung sowie tarif- und besoldungsrechtliche Kriterien in einer transparenten und vergleichbaren Systematik zu erfassen. Dies kann auch für eine systematische Beschreibung gemeindepädagogischer und diakonischer Beruflichkeit hilfreich sein, insbesondere hinsichtlich der Verhältnisbestimmung zwischen Ausbildungsgängen unterschiedlicher Hochschulen und Fachschulen sowie Studiengängen verwandter Berufe, der Entwicklung von Konzepten zur aufstiegsorientierten Qualifizierung und der Profilierung von Fort- und Weiterbildung. Die DQR-Systematik bietet auch Kriterien zur Klärung von Differenzkriterien zwischen unterschiedlichen Anforderungsniveaus in der beruflichen Praxis.

Klärungsbedarf besteht allerdings hinsichtlich der Konzentration im DQR auf kognitiv erlern- und vermittelbare, durch Messung erfassbare Leistungsdispositionen. Die ausdrückliche Ausklammerung persönlicher Merkmale und Eigenschaften (motivationale und affektiver Dimensionen) ist generell für die Arbeitswelt, speziell für die Anforderungen kirchlicher Beruflichkeit in der Verschränkung von Bildung, Beruf und Glaube, höchst fragwürdig. Hier bedarf es neben einer klareren programmatischen Berücksichtigung dieser Dimensionen in der DQR-Konzeption empirischer Forschung, um Fragen der Erfassbarkeit und Messbarkeit zu klären.

CI-Informationen 2010/1

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