Europa

Europäisierung von Bildung - und die Kirchen?

Peter Schreiner

Die europäischen Institutionen weisen vermehrt auf die transnationale Bedeutung von Bildung hin und stoßen übergreifende Vergleiche und Initiativen an ("Europäisierung von Bildung"). Europäische Entwicklungen wirken sich auf nationale europäische Bildungssysteme aus und es entsteht eine Dynamik, die sich in Fragen nach Qualität und Wirksamkeit von Bildung und der Konkurrenzfähigkeit Europas im internationalen Wettbewerb niederschlägt. Die Entwicklung einer europäischen Bildungspolitik und eines europäischen Bildungsraumes belegen dies. Um Qualität und Wirksamkeit von Bildung geht es in internationalen Vergleichsstudien wie PISA, deren Ergebnisse mehr Bewegung im föderalen Bildungssystem Deutschlands ausgelöst haben als traditionelle Reformbemühungen. Der entstehende europäische Bildungsraum für das Hochschulwesen ("Bologna-Prozess") betrifft auch die theologischen Fakultäten. Dennoch wird die zunehmende Europäisierung von Bildung bisher von den europäischen Kirchen sträflich vernachlässigt.

Wie sonst ist zu erklären, dass bei der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) Bildung bislang nur eine randständige Bedeutung hat? Nur mit Mühe ist es bei der Vollversammlung im Juli in Lyon gelungen, im Strategiepapier der KEK wenigstens "Christian Education" als wichtiges Thema für zukünftige Aktivitäten des Zentralauschusses und der Kommissionen aufzunehmen. Darüber hinaus müssten die Kirchen aktiv für ein Bildungsverständnis eintreten, das neben "Arbeitsmarkttauglichkeit" (employability) auch die persönliche Entwicklung als wichtigen Bestandteil von Bildung ansieht, der eben nicht allein ökonomisch verrechenbar ist. Auch die Europäische Kommission nennt in ihrem im Frühjahr verabschiedeten Rahmen ("ET 2020") programmatisch als wesentliche Ziele für die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der allgemeinen und beruflichen Bildung "die persönliche und berufliche Entwicklung aller Bürger/innen" und "nachhaltiger wirtschaftlicher Wohlstand und Beschäftigungsfähigkeit unter gleichzeitiger Förderung der demokratischen Werte, des sozialen Zusammenhalts, des aktiven Bürgersinns und des interkulturellen Dialogs". Der Bildungsauftrag gehört seit der Reformation wesentlich zum Protestantismus. Aus dieser Perspektive sollten "Maße des Menschlichen" für Bildung eingefordert werden und einer Nivellierung und Industrialisierung der Bildungssysteme ebenso entgegengetreten werden wie einer Funktionalisierung des Einzelnen für bestimmte Verwertungszusammenhänge.

Bewegung gibt es durch eine Initiative der Kommission Kirche und Gesellschaft der KEK, die im Juni 2009 eine Brainstorming-Gruppe mit VertreterInnen der Mitgliedskirchen, der Intereuropean Commission on Church and School und anderer assoziierter Mitglieder eingeladen hatte, um Herausforderungen und Aufgaben der Kirchen im Bereich Bildung und Europa zu formulieren. Das CI ist daran personell beteiligt. Es wird angeregt, den Beitrag religiöser Bildung für das Zusammenleben in Europa zu verdeutlichen und die Frage nach übergreifenden Standards für religiöse Bildung in den öffentlichen Schulen zu bearbeiten. Die Kirchen sollten sich kritisch mit einem ökonomisch funktionalisierten Bildungsverständnis auseinandersetzen und dem ein an Persönlichkeitsbildung orientiertes Bildungsverständnis entgegenstellen. Ebenso sollten sie ihre eigenen Bildungsaktivitäten im formalen wie non-formalen Bereich offensiver vertreten und gelungene Beispiele und Konzepte in den europäischen Diskurs einbringen. Auch wäre eine stärkere Vernetzung von empirischer Forschung zu Wirkung und Ertrag von (religiöser) Bildung mit Praxisfeldern kirchlich pädagogischer Praxis notwendig.

CI-Informationen 2009/2

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