Erwachsenenbildung

Konzeptionelle Weiterentwicklung von migrationssensibler Familienbildung

Dr. Steffen Kleint

DEAE Symposion 2019 - 14.-15. Oktober 2019

Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutierten beim diesjährigen DEAE-Symposion am 14./15. Oktober in Frankfurt am Main aktuelle konzeptionelle Entwicklungen von migrationssensibler Familienbildung. Von folgenden Programm- und Forschungsaspekten sieht man sich konkret herausgefordert:

  • Generelle Sichtweisen auf und Erkenntnisse über „Migrantenfamilien“ allgemein stehen immer mehr im Kontrast zur wachsenden Heterogenität des Feldes. Daher muss in erster Linie differenziert werden zwischen:
  1. Inwieweit sind Migrationserfahrungen tatsächlich kennzeichnend für das Familienleben? (z.B. in punkto Mehrsprachigkeit, interkulturelle Erziehung und Religion, in der Selbstbeschreibung und in all den rechtlichen Fragen betreffs des Aufenthaltsstatus, des Wohlfahrtstaates, der Alltagsdiskriminierung)
  2. Inwieweit sind familiäre Migrationserfahrungen lediglich ein Merkmal unter diversen anderen Merkmalen und muss präziser zwischen unterschiedlichen Migrationshintergründen und den quer dazu liegenden sozialen Milieus und Bildungsschichten differenziert werden?
  3. Inwieweit trägt der Migrationsfokus einfach nicht, da er zu unterschiedliche Phänomene meint und nicht differenzieren kann, sondern nur die gesamte Bandbreite des Familienlebens zeigt? (z.B. in punkto Bildungsaspiration oder Orientierung im Bildungssystem, in Fragen der Kleinkindererziehung, bei der Prävention von Gewalt)
  4. Und inwieweit ist der Migrationsfokus auf das Familienleben diskriminierend, also selbst ein Problem, das es zu bearbeiten gilt?
  • In interreligiösen Begegnungen zeigt sich gegenwärtig, wie muslimische Religiosität auch unter jungen Eltern floriert, während sich christliche Religiosität generationsübergreifend in einer „Identitätskrise“ befindet. Dabei sind sowohl die muslimische als auch die evangelische Religionspädagogik stark von schulischen Fragestellungen absorbiert. Auf muslimischer Seite steht vor allem die Entwicklung der Sprachfähigkeit in religiösen Belangen (z. B. kindgerechte Religionsgeschichten) im Mittelpunkt.
  • In Fragen der Familienreligiosität lässt sich nicht ohne Weiteres ins Gespräch oder gar zu Bildungsinteressen kommen. Gespräche mit Eltern und Großeltern über Religion sind in der Regel intim und eng verbunden mit persönlichen Erfahrungen, Gefühlen, biographischen Wendepunkten. Wenn Anbieter das Verbindende und die Ressourcen von Religion für das Familienleben stärker ins Spiel bringen wollen, dann müssen sie weitgehend neu und niederschwellig ansetzen (z. B. funktionieren große Feste oder Ausflüge zu religiösen Orten).
  • Fragen von Geschlechterbildern und Männlichkeit sind nicht nur präventiv aufzugreifen, sondern als ein zentraler Teil einer interkulturellen Persönlichkeits- und Familienentwicklung. Dabei ist eine Angst vor Stereotypisierungen wenig hilfreich, unvermeidlich sind adäquate und inadäquate Bilder im Spiel und ohne solche Bilder wird es sicher nichts mit einer lernförderlichen Gruppendynamik oder einem Vertrauen in die Institution. Die direkte Thematisierung von „Vatersein“ im Zugang ist aber zu anonym und hochschwellig, anfangs funktionieren auch keine Angebote für Väter allein. Gefragt sind Kombinationen aus Angeboten für Kinder und (Groß)Väter. Für viele geflüchtete Väter ist Partizipation oder Intervention in Bildungsbelangen eher ungewöhnlich, es ist oft Neuland, wenn angesichts des Lernverhaltens der Kinder eine Situation der persönlichen Wertschätzung ermöglicht wird.
  • Geflüchtete Väter haben in der Regel größere sprachliche Defizite als Mütter und Kinder und tauchen vor allem in den Schulen als Repräsentanten der Familie auf. Als Teilnehmende werden Väter oftmals über Frauen angemeldet, doch das kann sich dann rumsprechen (unter Kindern, Vätern, Müttern) – man braucht einen langen Atem, bis es normal werden kann.
  • Ohne Migrantenväter auf der Anbieterseite (als Dozenten oder HPMs mit eigenen Migrationserfahrungen, eigener Migrationsgeschichte) wird es bei allem konzeptionellen Bemühen schwer bleiben, die Väterarbeit aus ihrer gesellschaftlichen Nische zu holen.

Die Teilnehmenden des Symposions unterstützten insgesamt eine interdisziplinäre und ressortübergreifende Versachlichung der Debatten um Migration, Integration und Familienleben und ermutigten die DEAE-Fachgruppe, sich auf dieser Linie mit erwachsenenpädagogischen Gesichtspunkten weiter fachlich und politisch einzubringen.

FACHGRUPPE FAMILIENBEZOGENE ERWACHSENENBILDUNG

Tagungsunterlagen

Programm DEAE-Symposium 2019

 Ayşe Uygun-Altunbaş: Religiosität als Ressource

 Eveline Reisenauer: Erziehungsberatung von Migrantenfamilien

Fach- und Arbeitsstellen des Comenius Instituts

© Comenius-Institut 2004-2019

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