Bildung im Kindes- und Jugendalter

Gerechtigkeit und Bildung

Volker Elsenbast

Der Ruf nach Gerechtigkeit ist in manchen Ländern riskant und gefährdet das eigene Leben. In anderen Ländern ist dieser Ruf jedoch billig zu haben, wenn er nicht aufruht auf präzisen Analysen und einmündet in realistische, dauerhafte Strategien. Der Bildungsbereich hat hierbei eine Schlüsselstellung. Die Kirchen wiederum haben aufgrund ihrer unterschiedlichen Rollen Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten in verschiedene Richtungen.

Die Kirchen sind zur Forderung nach Gerechtigkeit inspiriert und genötigt durch biblische Grundlagen: Das Bemühen um eine lebensdienliche umfassende gesellschaftliche Ordnung wird greifbar in den 10 Geboten, den zahlreichen normativen Texten, in dem Einspruch der Propheten und dem Handeln Jesu. In den Denkschriften wie "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" (1997) oder "Gerechte Teilhabe" (2006) kommt dieses Bemühen zum Ausdruck.

Wer sich mit Gerechtigkeit beschäftigt, begibt sich jedoch auf ein Feld von Widersprüchen und Unzulänglichkeiten. Welche Ansprüche der Teilhabe an Einkommen und Bildung sind zulässig oder wünschenswert? Wieviel Differenz zwischen Bildungsniveaus ist verkraftbar? Wie weit reichen austeilende und ausgleichende Gerechtigkeitsstrategien? Welche Rolle spielen "weiche Optionen" gerechter Lebenschancen wie Billigkeit oder Barmherzigkeit?

Den Kirchen wie auch anderen gesellschaftlichen Akteuren stellen sich folgende Aufgaben:

Es gilt, Menschen zu befähigen, gerecht zu handeln und zu entscheiden, insbesondere wenn sie Verantwortung und Befugnisse haben. Den Menschen ist zugemutet, für gerechte Verhältnisse in Gesellschaft und Institutionen zunehmend selbst zu sorgen. In Organisationen und Institutionen müssen alle Beteiligten dazu beitragen, Kulturen des Vertrauens und Transparenz zu entwickeln. Für ihre Handlungsfähigkeit benötigen Menschen Kriterien, Verfahren der Urteilsbildung und Strategien zur Umsetzung der Urteile. Dies sind Bildungsziele, die auch die Bildungsarbeit in evangelischer Verantwortung anzustreben hat. Globales Lernen, De-Eskalations- Verfahren, Lernen an religiösen oder moralischen Dilemmata und Konflikten, Umgang mit sozialer, religiöser, ethnischer, geschlechtlicher Differenz, Bewahrung der Schöpfung durch umweltbezogene Bildung sind einige Beispiele.

Bildungseinrichtungen und der Zugang zu ihnen sind mit verantwortlich für die Verteilung von Lebenschancen, für den Erwerb von Kompetenzen der Lebensbewältigung, für Teilhabe und Teilnahme in und an dieser Gesellschaft. Das deutsche Bildungssystem verstärkt soziale Ungerechtigkeit durch seine Struktur und Regelsysteme. Es sorgt dafür, dass "die Guten" noch "besser" werden. Trotz zahlreicher Förderbemühungen wird Bildungsbenachteiligung vergrößert. Gegenüber der aufwändigen Mehrgliedrigkeit des Schulsystems mit seiner einseitigen "Abwärtsdurchlässigkeit" und gegenüber einer Unterrichtspraxis, deren Lernförderung unterwickelt ist, hat sich Kirche kritisch zu positionieren. Andererseits hat sie sich dort, wo sie Schulträgerin ist, den Fragen nach integrierten Systemen und Integration zu stellen.

Das Comenius-Institut greift diese Frage in Arbeitsvorhaben auf, in denen unter anderem Hauptschulen und Integrationsperspektiven berücksichtigt sind. Der 2007 erschienene Band "Zur Gerechtigkeit im Bildungssystem" untersucht von unterschiedlichen Standpunkten aus Bedingungen, Perspektiven und Strategien von mehr Gerechtigkeit.

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