Bildung-im-Kindes-und-Jugendalter

Bildungsgerechtigkeit und Bildungssystem

Volker Elsenbast

Mit Bildungsgerechtigkeit bündeln sich verschiedene Sichtweisen auf das Bildungssystem. Der Schwerpunkt liegt bislang auf der Schule. Zunehmend kommen jedoch die Perspektive der Bildung im Lebenslauf und somit Bildungsorte und Lernwelten insgesamt in den Blick. 

Zunächst ist nach den Zugängen zu Bildungsorten und -prozessen zu fragen. Das betrifft nicht nur die Schule mit ihrem Pflichtbesuch, sondern auch außerschulische Lernwelten. Neben dem Kindergarten sind es vor allem die Familien bzw. die Haushalte, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen. Inwieweit bieten sie Bildungsgelegenheiten und weisen anregende Lernwelten auf? Mit und neben der Familie kommen aber auch das unmittelbare Lebensumfeld, Nachbarschaft und Freundschaften, das Gemeinwesen, Felder freiwilligen Engagements, Jobs, Peers und Medien in den Blick. Wem werden welche Zugänge zu welchen Gelegenheiten ermöglicht? Welche sind für manche Menschen gar nicht erreichbar? Die Frage des Zugangs zu Bildung ist also nicht erst mit den Institutionen wie Tageseinrichtungen, Schule und Hochschulen zu stellen, sondern auf die gesamte Bildungsbiografie zu beziehen. Bildungsökonomisch ist dann zum Beispiel zu fragen, was welchen Familien vor allem finanziell möglich ist: Armut und Reichtum wirken sich auf Bildung aus. Angesichts steigender Einkommensungleichheit wachsen der Sozialpolitik und der Bildungspolitik weitere Aufgaben zu.

Es zeigt sich, dass das gegenwärtige Bildungssystem den Ungleichheiten immer nur begrenzt begegnen kann. So leistet z.B. die Grundschule einen enormen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit, indem die leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler von ihr profitieren. Allerdings bleiben die Unterschiede zwischen den Herkunftsgruppen weitgehend stabil. Z.B. spricht viel dafür, dass bei dem für die Bildungskarriere und die zukünftigen Teilhabe- und Lebenschancen so wichtigen Übergang aus der Primarstufe in die Sekundarstufe die Empfehlungen der Lehrkräfte prognostisch besser sind als die Elterneinschätzungen und -entscheidungen. Denn sie orientieren sich viel stärker an vorangegangenen Leistungen, mit deren Hilfe sich zukünftige Leistungen am besten vorhersagen lassen. Die hohe Abwärtsmobilität im Schulwesen hat im Primat der Elternentscheidung eine ihrer Ursachen.

Wer es in das System eines bestimmten Bildungsortes geschafft hat, steht vor der Aufgabe, erfolgreich damit zurechtzukommen, wobei wesentliche Faktoren dafür im Umfeld der Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen (im Sinn des lebenslangen Lernens) liegen. In Bezug auf Kinder und Jugendliche zeigen das beispielsweise Untersuchungen über die Leistungsentwicklung während der Ferienzeiten und während der Schulzeit. Der Schulerfolg hängt eben nur zum Teil von schulischen Bedingungen ab: "Der schulischen Wirksamkeit sind klare Grenzen gesetzt und Bildungsungleichheit muss daher in einem breiteren gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen werden." (Hartmut Ditton)

Neben der gerechten Teilhabe an Bildung geht es auch um den Beitrag der Bildung zur gerechten Teilhabe. Verlassen Jugendliche und junge Erwachsene die Bildungsinstitutionen, so tun sie dies mit bestimmten Fähigkeiten, Haltungen und Berechtigungen oder eben auch ohne Berechtigungen für die Zugänge zu weiteren Bildungsabschnitten oder die Ausübung eines Berufes. Es kommt damit die Frage in den Blick, wozu die Jugendlichen befähigt wurden, also nach Bildungszielen, Lernergebnissen und Kompetenzen. Welchen Stellenwert haben z.B. Partizipation oder "Demokratie Leben und Lernen" in der Bildungsbiografie gehabt? Wo konnten mediatorische Fähigkeiten oder interkulturelle Kompetenzen erworben und soziales Engagement gelernt werden?

Damit sind in Ansätzen Aufgabenfelder umrissen, in denen Entwicklungen zu mehr Gerechtigkeit im und durch das Bildungswesen voranzubringen sind. Wenn sich die Synode der EKD im November 2010 mit der Thematik der Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit auseinandersetzen wird, ist ihr ein realistischer Blick auf die Problematik und eine Entschiedenheit für die anzugehenden Aufgaben zu wünschen.

CI-Informationen 2010/1

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