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Ein Kompetenzmodell für den Religionsunterricht

Dietlind Fischer

Die Expertengruppe Bildungsstandards für den RU am Comenius-Institut hat in ihrer 7. Sitzung ein fachdidaktisch begründetes Modell für religiöse Kompetenzen verabschiedet. Es handelt sich um Kompetenzen, die von Schülerinnen und Schülern zum Ende der Sekundarstufe I ihrer Schulzeit erwartet werden. Die Expertengruppe geht davon aus, dass aus bildungstheoretischen, bildungspolitischen, pädagogischen wie pragmatischen Gründen weit stärker als bisher zu klären und überprüfbar gemacht werden sollte, was es im Religionsunterricht zu lernen gibt und welche Kompetenzen der Unterricht vermittelt. In solchen Prozessen der Klärung wird ein Beitrag zur Qualitätssicherung des Religionsunterrichts gesehen. Zugleich bekommt Religion in einem umfassenden Konzept allgemeiner Bildung einen deutlich akzentuierten und plausibel begründeten Stellenwert.

Die positive Beurteilung einer Orientierung des Religionsunterrichts an einheitlichen und verbindlichen Kompetenzen wird auch nicht von dem Wissen darum relativiert, dass religiöse Bildung mehr umfasst als das Verfügen über Kompetenzen. Bildung als selbstreflexiver Prozess des Subjekts ist letztlich unplanbar. Aber das entbindet nicht von der Aufgabe, zu klären, was nach einem mehrjährigen Fachunterricht als mindest zu erreichende und erlernbare Fähigkeiten bei den Schülerinnen und Schülern angelegt sein soll. Jede Lehrerin und jeder Lehrer wird ein Interesse an einer klaren Verhältnisbestimmung von fachbezogener Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler einerseits und des bildenden Mehrwerts des Religionsunterrichts andererseits haben.

Das ausführlich begründete und mit Beispielaufgaben konkretisierte Kompetenzmodell wird zunächst der Konferenz der Bildungs-, Erziehungs- und Schulreferenten der evangelischen Landeskirchen zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt. Es kann auf diesem Weg seine bildungspolitisch orientierende Funktion bekommen. Seine Wirksamkeit kann das Kompetenzmodell erst entfalten, wenn es einen Prozess der Diskussion, Erprobung und Weiterentwicklung anstößt. Fachgruppen bzw. Fachschaften für den Religionsunterricht, LehrerInnen und Religionslehrerverbände, Schulreferenten und Schuldekane, LehrerbildnerInnen und ReligionspädagogInnen sind eingeladen, sich an der Diskussion, Erprobung und weiteren Entwicklung zu beteiligen. Die Broschüre (ca. 80 Seiten) wird im Juli 2006 veröffentlicht.

Ziel dieses Diskussionsprozesses ist es, mit vielen Beteiligten gemeinsam zu klären, was als verbindliches Ergebnis von Lehr- und Lernprozessen im evangelischen Religionsunterricht bei Schülerinnen und Schülern am Ende der Sekundarstufe I aller Schularten erwartet werden kann. Ob und wie die vorgeschlagenen Kompetenzen tatsächlich zu Standards transformiert werden können, bleibt mittelfristig ihrer mehrperspektivischen empirischen Überprüfung überlassen. Die empirische Erforschung des RU im Klassenzimmer ist ein schwieriges, aber dringlich zu bearbeitendes Feld, wenn man mehr über seine Wirksamkeit erfahren will.
Dietlind Fischer

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