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Mentoren ausbilden - aktuelle Entwicklungen der Lehrerbildung

Dietlind Fischer

Die Ergebnisse aus dem Projekt MINT – Mentoring in Teacher Education, das vom Comenius Institut koordiniert und mit Mitteln der EU im Rahmen des COMENIUS Programms gefördert wurde, fließen allmählich in Diskurse und Projekte zur Reform der Lehrerbildung ein.

Je mehr die Schulen mitverantwortlich an der schulpraktischen Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern beteiligt sind, umso dringlicher wird es, Schulen bei dieser Aufgabe zu unterstützen. Wie findet man einen guten Mentor bzw. eine gute Mentorin, wie können Schulleitung, Studienseminare und Kollegien Mentoren für ihre Aufgaben stärken, und was braucht eine Mentorin/ein Mentor für die wirksame Arbeit mit neuen Lehrkräften? Diese Frage beschäftigt alle Personen, die mit Lehrerbildung zu tun haben. Mentoren sind nicht nur für Studierende im Schulpraktikum und für Lehrkräfte in der zweiten Ausbildungsphase und in der Berufseingangsphase relevant, sondern ihre Funktion reicht weit in die professionelle Entwicklung des Kollegiums einer Schule hinein.

Das Mentorieren ist ein relevanter Faktor der innovativen Schulentwicklung. Aus diesem Grund ist es wichtig, genauer zu untersuchen, was eine(n) „gute(n)“ Mentor/Mentorin ausmacht, über welche Kompetenzen er/sie verfügt und in welcher Weise die Mentorentätigkeit wirksam ausgeübt wird. Es würde jedoch zu kurz greifen, wenn man ausschließlich die Qualität der Beziehung von Mentor und Lehramtsanwärter betrachtet. Die Mentorentätigkeit spielt sich nicht in einem luftleeren Raum oder isolierten Ort ab, sondern findet an einem konkreten Ort, an einer bestimmten Schule innerhalb eines Kollegiums statt, also unter Kontextbedingungen, die mehr oder weniger förderlich oder behindernd wirken. Der soziale und konkrete Kontext kann auch von Mentor und Mentee beeinflusst und mitgestaltet werden und sich dadurch produktiv auf die professionelle Entwicklung von Lehrkräften am Ort der einzelnen Schule auswirken.

Mentorieren ist so gesehen nicht eine voraussetzungslose „natürliche“ Fähigkeit jeder Lehrkraft, sondern ist als eine kooperative pädagogische Praxis innerhalb einer anregungsreichen Lernumgebung zu verstehen. Die Verantwortung für das Gelingen liegt nicht allein in der Kompetenz eines Mentors, sondern gehört zur professionellen Kultur einer Schule. Mentorieren ist dann nicht nur ein Weg der Unterstützung individueller Lehrkräfte, sondern kann zu einem Verfahren des Aufbaus starker professioneller Arbeitskulturen in den Schulen werden.

In einem Projekt hat Tim Cain, Southampton (2008) die Dialogstrategien von Mentoren des Musikunterrichts erforscht. Er unterscheidet fünf verschiedene Gesprächsformen: erklärendes Gespräch, Monolog, kurze Konversation, Disputation und kumulatives Gespräch. Alle Formen werden in Mentoren-Verhältnissen praktiziert. Sie halten die Beziehung in Gang, wirken als emotionale Brücke oder Form, transportieren Fragen und Antworten oder auch Problemlösungen. In einem disputativen Gespräch werden differente Positionen geklärt, ohne dass sie verändert oder angenähert werden. In einem „kumulativen Gespräch“ gehen die Partner zwar aufeinander ein, aber eher oberflächlich, in gegenseitiger Ergänzung, ohne den Gesprächsgegenstand zu vertiefen. Lediglich im „erklärenden Gespräch“ wird einer klaren Gesprächsstruktur gefolgt, bei der Begründungen und Bewertungen explizit gemacht werden, so dass die Gesprächspartner zu neuen Einsichten oder Erkenntnissen über ihren Gegenstand gelangen.

Jennifer Harrison et al (2005) haben in einem Aktionsforschungsprojekt untersucht, welche Strategien der kritischen Reflexion im Gespräch des Mentors mit dem Mentee erfolgreich und zufriedenstellend angewendet wurden. Die Gesprächssituationen von Mentor und Mentee wurden videographiert und auf bevorzugte Gesprächsstile hin analysiert. Im nachfolgenden Gespräch mit der Forschergruppe konnten die Mentoren ihre Kompetenzen klären. Ihnen wurden weitere Gesprächsstrategien vermittelt. Es zeigte sich, dass das Ermutigen und Fördern von strukturierten Dialogen zwischen Mentor und Mentee ein besonders wirksamer Impuls zur Rollenklärung und Focussierung der Aufgabe eines Mentors als Lehrerbildner ist.

Solche Forschungsprojekte sind wichtig, um der Wirksamkeit von „guten“ Mentoren auf die Spur zu kommen. Das professionelle, unterrichtsentwickelnde Gespräch ist ein besonders wichtiger Faktor. Die Bedingungen, unter denen solche Gespräche stattfinden, sind ein weiterer Faktor des Gelingens.

Zu solchen Kontextbedingungen für wirksames Mentorieren gehören: ein ausdrücklich dafür vorgesehenes „Zeitgefäß“, ein Ort, an dem ungestört und ruhig miteinander reflektiert werden kann, eine Belohnung in Form von sozialer Anerkennung, Statusgewinn oder auch Entlastung von Unterrichtsverpflichtung. Ein Kollegium, das gemeinsam mit der Schulleitung über die Art des Umgangs mit neuen Lehrkräften einen Verfahrens- und Verhaltenskonsens gefunden hat, wirkt besonders förderlich und entlastend.

Aus Untersuchungen zu innovativen Prozessen in Organisationen (z.B. Lakerveld 2005) ist bekannt, dass das „Lernen“ in Organisationen unter bestimmten Bedingungen besser und produktiver geschieht. Übertragen auf die Schule als Organisation sind folgende Bedingungen wirksam für die produktive Unterrichts- und Schulentwicklung:

  • Kollegiale Zusammenarbeit wird hoch geschätzt und regelmäßig praktiziert.
  • Es gibt professionelle Lerngemeinschaften, zu denen jede Lehrkraft eine vorrangige Beziehung unterhält, z.B. Fachgruppen, Jahrgangsteams.
  • Das Mentorieren ist ein in das Schulkonzept und Arbeitsprogramm integriertes Anliegen.
  • Mit der Unterstützung von Fachkollegen kann jede Lehrkraft bei Bedarf zuverlässig rechnen.
  • Supervision und/oder Intervision kann regelmäßig zugänglich gemacht werden.
  • Wenn es erforderlich ist, kann auch externe Unterstützung angefordert werden.

Inzwischen ist das Buch zum Projekt MINT als Handbuch für Lehrerbildner/- innen erschienen: "Improving School-based Mentoring". Neben grundlegenden Texten zum Forschungsstand, zur Unterrichtsentwicklung und förderlichen Lernumgebungen für Lehrende werden Fortbildungsmodule für die Qualifizierung von Mentoren skizziert. Umfangreich ist der Teil mit vielfältigen praktischen Verfahren und Methoden für die Ausbildung und Unterstützung von Mentoren und Mentorinnen sowie zur Evaluation von Lernprozessen und -ergebnissen.

http://www.mint-mentor.net

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