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Forschendes Lernen in der LehrerInnenbildung

Andreas Feindt

"LehrerInnenbildung: Nur anders oder auch besser?" Diese Frage hat Dietlind Fischer in der letzten Ausgabe der CI-Informationen gestellt und den Blick auf die formale Umstrukturierung der Studiengänge und auf die Standards der LehrerInnenbildung gelenkt. Neben dieser aktuellen Perspektive gibt es seit den 1990er Jahren innerhalb der Erziehungswissenschaft vielfältige Arbeiten zur Frage, wie das universitäre Studium die Professionalisierung der angehenden LehrerInnen befördern kann.

Forschendes Lernen in der LehrerInnenbildung
Forschendes Lernen und Fallarbeit sind die beiden Konzepte, die professionstheoretisch begründet die Hochschuldidaktik bereichern. Im Kern zielen beide Ansätze auf den Erwerb von Reflexionskompetenz bei den Studierenden. Die (Selbst-)Reflexion ist als Schlüsselkompetenz professionellen Handelns deswegen so wichtig, weil die widersprüchlichen Anforderungen im Lehrerberuf und das spezielle Verhältnis von Theorie und Praxis nur dadurch bearbeitet werden können.

LehrerInnen müssen in ihrem Berufsalltag kontinuierlich das eine tun, ohne das andere zu lassen. Sie müssen einerseits Verantwortung für die individuelle Entwicklung des einzelnen Schülers übernehmen, obgleich sie es ständig mit einer ganzen Klasse zu tun haben. Sie müssen Nähe zu den SchülerInnen aufbauen, damit es zu einem vertrauensvollen Arbeitsbündnis kommen kann, gleichzeitig aber dafür Sorge tragen, dass die nötige Distanz ihrer Lehrerrolle erhalten bleibt. Auch die Anforderung, einerseits das eigene Handeln theoretisch zu begründen und zu fundieren, dabei aber wissenschaftliche Theorien nicht linear auf die eigene Praxis anwenden zu können, ist eine der widersprüchlichen Aufgaben in der Grundstruktur des Lehrberufs. Nur um den Preis von paradoxen Verstrickungen lassen sie sich entweder zu der einen oder der anderen Seite hin auflösen. Wenn sich Lehrkräfte nur als Experten für ihr Fach verstehen, ziehen sich sich häufig auf die größtmögliche Distanz zu den SchülerInnen zurück. Auch ein ausschließlich lehrergesteuerter Unterricht, von der Klage begleitet, dass die SchülerInnen leider nicht selbst Verantwortung für die eigenen Lernprozesse übernehmen, ist ein Beispiel für solche paradoxen Verstrickungen. Ein konstruktiver Umgang mit den strukturellen Bedingungen des LehrerInnenhandelns, der die Widersprüchlichkeit nicht aufzulösen versucht, sondern sie als spannungsvolle Balanceaufgabe annimmt, kann nur ein reflexiver sein. Professionstheoretische Forschungen haben nachdrücklich verdeutlicht, dass nur über die Reflexion des eigenen Unterrichts, seiner strukturellen Verfasstheit und institutionellen Eingebundenheit sowie der eigenen berufsbiografischen Implikationen das schwierige Geschäft des Unterrichtens angemessen gestaltet werden kann.

Wie kann die Entwicklung von Reflexionskompetenz angeleitet und begleitet werden? Unter dem Titel "reflexive LehrerInnenbildung" wurden seit Mitte der 1990er Jahre eine ganze Reihe von hochschul- und fortbildungsdidaktischen Ansätzen entwickelt, die sich dieser Aufgabe stellen. Die hermeneutische Arbeit mit dokumentierten Fällen aus der Schul- und Unterrichtspraxis (z. B. Unterrichtstranskripte oder Interviews mit LehrerInnen) und die Erforschung von schul- und unterrichtsbezogenen Fragestellungen durch Studierende (in kleinen Teams, mit oder ohne Beteiligung von LehrerInnen und ReferendarInnen) gehört inzwischen zu fundierten Konzepten der LehrerInnenbildung. Mittlerweile liegen auch erste Forschungsergebnisse vor, die die Annahmen hinsichtlich der Wirksamkeit dieser Ansätze empirisch unterfüttern.

Die positiven Erfahrungen mit dem forschenden Lernen in der LehrerInnenbildung sind jedoch nicht auf die Ausbildung am Ort der Hochschule begrenzt. Auch in der Fort- und Weiterbildung konnte die von LehrerInnen betriebene Handlungs- und Praxisforschung erfolgreich eingesetzt werden. Diese auch unter dem Titel "Lehrer erforschen ihren Unterricht" anzutreffende Forschungstradition geht auf den englischen Erziehungswissenschaftler Lawrence Stenhouse zurück, der in England in den 1970er Jahren nach Wegen suchte, um die LehrerInnen als ExpertInnen für Unterricht konstruktiv in die Entwicklung, Erprobung und Reflexion von neuen Curricula einzubeziehen. Diese Überlegungen von Lawrence Stenhouse haben im Comenius-Institut schon sehr früh erste Spuren hinterlassen: In einem von Dietlind Fischer herausgegebenen Band zu Fallstudien in der Pädagogik hat Stenhouse seinen Ansatz der Lehrerforschung konzeptionell mit der Arbeit an Fällen verknüpft. Zu einer breiteren Rezeption und praktischen Umsetzung dieser spezifischen Ausrichtung der Aktionsforschung im deutschsprachigen Raum kam es aber erst mit den Arbeiten von Peter Posch und Herbert Altrichter. Die Autoren haben die Grundgedanken der LehrerInnenforschung, die in England mittlerweile zu einem etablierten Ansatz im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung geworden war, aufgenommen und für die Fort- und Weiterbildung von LehrerInnen nutzbar gemacht. In diesen und vielen anderen nachfolgenden Projekten (www. nordverbund-schulbegleitforschung. de/ www.schulbegleitforschung.de) hat sich gezeigt, dass die LehrerInnenforschung ein geeigneter Ansatz ist, um Schul- und Unterrichtsentwicklung reflexiv zu gestalten und zu begleiten. Auch in der Fortbildung von ReligionslehrerInnen hat die Forschung von LehrerInnen ihren Niederschlag gefunden: Roland Biewald beschreibt in der Veröffentlichung des Comenius-Instituts "Religionsunterricht erforschen", wie er mit ReligionslehrerInnen Ideen der Aktionsforschung zur Reflexion des eigenen Unterrichts umgesetzt hat.

Aktuell wird im Comenius-Institut ein neues Projekt zum "forschenden Lernen" in der Lehrerfortbildung konzipiert. Das von einer Expertengruppe entwickelte Modell grundlegender Kompetenzen religiöser Bildung für die Sekundarstufe I muss probeweise implementiert und auf seine Brauchbarkeit geprüft werden. Wie eine Kompetenzorientierung des Unterrichts von der Schulpraxis aufgegriffen und kritisch umgesetzt werden kann und welche Veränderungen das für den RU mit sich bringt, ist aber noch weitgehend ungeklärt. An dieser Stelle setzt das Projekt zum "forschenden Lernen" an. Durch die Unterstützung und Begleitung von intensiv kooperierenden Lehrergruppen sollen Methoden der Handlungs- und Praxisforschung für die kompetenzorientierte Ausrichtung und Weiterentwicklung des Religionsunterrichts nutzbar gemacht werden. Wer Interesse an solch einer unterrichtsentwickelnden und begleiteten Fortbildungsarbeit hat, der ist herzlich eingeladen, sich im Comenius-Institut zu melden.

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