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Trägt Papst Benedikt XVI. zum interreligiösen Lernen bei?

Peter Schreiner

Berühmt ist sie geworden, die Vorlesung von Papst Benedikt XVI. im September 2006. Aufgeregt diskutiert wurde nicht das Thema des Vortrages, ein Plädoyer für die Neubestimmung eines - naturwissenschaftlich gefangenen - Vernunftbegriffs als Voraussetzung für einen Dialog der Kulturen, sondern ein Zitat in der Einführung.

Der Papst zitierte den byzantinischen Kaiser Manuel II., der wohl 1391 einen Dialog mit einem gebildeten Perser über die Wahrheit von Christentum und Islam führte. Darin sagt er zum Verhältnis von Religion und Gewalt: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten." Der Kaiser begründet eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist: Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. Nicht vernunftgemäß zu handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Soweit die zitierte Quelle.

Die öffentliche Rezeption zeigt, mit welcher Brisanz interreligiöses Lernen verbunden ist. Kann man dem Papst noch ein verlässliches Religionswissen unterstellen, so ist für den einleitenden Teil ein geringes Gespür für die angespannte Gesprächssituation zwischen Christentum und Islam zu unterstellen. Ihm wurde von islamischer Seite eine fehlende Achtung und ein wenig respektvoller Umgang mit ihrer Religion vorgeworfen.

Benedikt XVI. hat sich vor aller Welt für die unbeabsichtigte Wirkung des verwendeten Zitats entschuldigt, seine Hochachtung für den Islam zum Ausdruck gebracht und die Botschafter der islamischen Staaten und Vertreter islamischer Organisationen zum Gedankenaustausch eingeladen. Er könnte gelernt haben, nicht nur diplomatischer mit dem über 600 Jahre alten Text umzugehen, sondern auch seine Berater zu einem differenzierteren Blick auf muslimische Befindlichkeiten hin zu bewegen. Gewalt ist nicht exklusiv dem Islam vorzuwerfen, denn es gibt auch in der christlichen Geschichte und Gegenwart prägnante Beispiele, dafür müssten nicht nur die Kreuzzüge bemüht werden.

Interreligiöse Kompetenz gibt es nicht ohne die Fähigkeit zur Mehrperspektivität, zu komplementärem Denken und zu religiöser Selbstkritik. Das sind bleibende Aufgaben und Zielvorstellungen zugleich, an denen sich interreligiöses Lernen messen lässt.

Die in der Vorlesung geforderte Begegnung zwischen Glauben und Vernunft ist wiederum zentral für interreligiösen Dialog und interreligiöses Lernen. Reflexive Kompetenz ist nötig, um aus der Spannung von Eigenarten und Gemeinsamkeiten der Religionen lernen zu können.

Religion steht wieder auf der öffentlichen Tagesordnung, auch in ihrer gesellschaftlichen und politischen Bedeutung. Zunehmend wird akzeptiert, dass eine Perspektive, die Religion ausschließlich als Privatsache versteht, nicht weit trägt, sie unterschätzt die Dynamik religiöser Orientierung für das Zusammenleben der Menschen.

Gemeinsame Initiativen zur Entwicklung einer interreligiösen Didaktik sind bislang über erste Versuche nicht hinaus gekommen. Modelle und Konzepte (inter)religiösen Lernens entstehen meist unverbunden und nur aus der Sicht einer religiösen Orientierung. Als Grundlage und Voraussetzung brauchen Konzepte interreligiösen Lernens den Dialog zwischen den Religionen unter dem Anspruch gleichberechtigter Partnerschaft. Regeln für den fairen Umgang miteinander sollten vor dem Hintergrund der Dynamiken politisch-gesellschaftlicher Vorgänge transparent gemacht werden.

Das Comenius-Institut trägt zum interreligiösen Lernen bei, insbesondere durch das "Handbuch Interreligiöses Lernen", das 2005 veröffentlicht wurde. Es versteht sich als Stärkung weiterer Perspektiven interreligiösen Lernens.

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