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Neue Herausforderungen für Ökumenisches Lernen

Peter Schreiner, Gert Rüppell

Ökumenisches Lernen bietet eine spezielle Perspektive des Lernens im Kontext von Weltgesellschaft und Globalisierung. Es versteht sich als Teil eines pädagogischen Diskurses an dem auch interkulturelle, interreligiöse und globale Lernbewegungen teilhaben.

Den verschiedenen Lernbewegungen liegen unterschiedliche Leitdifferenzen zugrunde. Während es im interreligiösen Lernen um die Differenz der Religionen geht und im interkulturellen Lernen um die Differenz der Kulturen geht es im Ökumenischen Lernen um die Differenz der weltweiten Kirche und ihren unterschiedlichen historischen Formen zur Weltgesellschaft. "Ökumenisches Lernen lässt sich … als eine spezifisch christlich geprägte Antwort auf die Herauforderung der Entwicklung zur Weltgesellschaft verstehen." (Asbrand/Scheunpflug im Handbuch Interreligiöses Lernen 2005, S. 277).

Im Mittelpunkt der ökumenischen Bewegung steht die Verknüpfung der Alltagserfahrungen mit dem ‚Oikos' der Einen Welt', die Verbindung zwischen eigener, räumlich naher Lebenswelt und der ‚Oikumene', dem bewohnten Erdkreis in ihrer jeweiligen Vielfalt. Didaktisch sind dialektische Lernprozesse zu initiieren und zu unterstützen, in dem Globales und Lokales komplementär aufeinander bezogen werden: weltweite Entwicklungen und Krisen in ihrer örtlichen Erscheinungsform werden entdeckt und bearbeitet, örtliche Fragestellungen in ihren weltweiten Zusammenhängen gesehen und durchdacht. Dem ökumenischen Lernen eigen ist ein normativer Standpunkt, in dem etwa die biblische ‚Option für die Armen' Leitlinien bietet, die nichts an Brisanz eingebüßt haben.

Erinnert werden soll an die Ökumenische Versammlung in Seoul 1990. In dem dort  verabschiedeten Bundesschlusstext wird erklärt: "Die Ursachen und Folgen von Ungerechtigkeit, Gewalt und Naturzerstörung sowie ihre Auswirkungen auf die Menschen hängen eng miteinander zusammen. Die Form unseres Handelns sollte diesem inneren Zusammenhang gerecht werden. Dies ist der eine wichtige Aspekt der Solidarität des Bundes, in die wir eintreten. Der zweite wichtige Aspekt ist folgender: unsere Solidarität im Bund bedeutet, dass wir vor Gott Buße tun und Gehorsam üben und dass wir uns den leidenden Menschen und der leidenden Umwelt zuwenden; man könnte sagen, dass der eigentliche Maßstab unserer Solidarität im Bund die Art und Weise ist, wie wir unsere Verantwortung vor den Armen, den Unterdrückten und vor der ganzen Schöpfung wahrnehmen."

Die vor 15 Jahren für den Bundesschluss ausgewählten vier Bereiche sind nach wie vor brisant und dringlich. Die Teilnehmer versprachen einzutreten für:

  • eine gerechte Wirtschaftsordnung und für die Befreiung von der Last der Auslandsschulden
  • eine wirkliche Sicherheit aller Staaten und Menschen und für eine Kultur der Gewaltfreiheit
  • einen sorgsamen und bewahrenden Umgang mit allem Leben und für die Erhaltung der Erdatmosphäre
  • die Abschaffung von Rassismus und Diskriminierung auf nationaler und internationaler Ebene im Interesse aller Menschen.

Das sind bis heute zentrale Herausforderungen nicht nur für die ökumenische Gemeinschaft. Herausforderungen, die sich z.B. im Blick auf die Sicherheit aller Staaten und Menschen oder hinsichtlich der Erhaltung der Erdatmosphäre stellen, haben sich weiter zugespitzt.

Die in Seoul geforderte Unterstützung eines Netzwerkes der Solidarität entwickelte sich nicht in dem Maße, dass eine durchschlagende Wirkung entfaltet werden konnte. Ökumenisches Lernen als "Leid-empfindsames" Lernen ist im Sinne des Bundesschlusses immer wieder neu zu thematisieren. Dazu bedarf es der Aufklärung und Analysen, die die Zeichen der Zeit erkennen lassen und zur Umkehr sowohl im gesellschaftlichen wie im persönlichen Handeln auffordern. Das Spannungsfeld ambivalenter Tendenzen und Konfliktpotentiale darf nicht zu Lähmung und Stillstand führen, sondern braucht Ermutigung, "Schritte der Hoffnung (zu) gehen" (1992). Eigene Expertise braucht dabei den Zusammenhang mit anderen Initiativen bei der Analyse von Problemen und dem Vorschlag von Handlungsoptionen.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Studie "Fair Future" (2005) des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Darin wird erneut kritisch das bestehende Verbrauchsniveau der Industriemoderne befragt und ihr Wohlstandsmodell auf den Prüfstand gestellt. "Mehr Gerechtigkeit in dieser Welt ist auf dem Verbrauchsniveau der Industrieländer nicht zu erreichen. (…) Entweder bleibt die Mehrheit der Welt vom Wohlstand ausgeschlossen oder das Wohlstandsmodell wird so umgestaltet, dass alle daran teilnehmen können, ohne den Planeten ungastlich zu machen." Die Wahrnehmung individueller wie kollektiver Verantwortung für ein zukunftsfähiges Leben für alle ist dem ökumenischen Lernen ein besonderes Anliegen.

Auf der Suche nach einer besseren Welt gibt es manche Bewegungen, denen Aktion und Reflexion in wechselseitiger Weiterentwicklung ein Anliegen ist. Stillstand bedeutet Lähmung. Ökumenisches Lernen beruht dagegen auf einer Spiritualität des Widerstehens, der Sehnsucht nach gelingendem Heil und ganzheitlichem Leben, sowie einem Prozess der Aufklärung und des Bekennens.

Wir arbeiten derzeit daran, eine Bestandsaufnahme zur Situation ökumenischen Lernens in Form eines Arbeitspapieres zu erstellen und Veränderungs- und Gestaltungsmöglichkeiten zu eruieren. Dabei sind Erfahrungen nützlich, die im Bereich der Projektstelle entwicklungspolitische ökumenische Bildung in kirchlichen Ausbildungsgängen (peb, Dr. Dirk Oesselmann), in der Mitarbeit in Gremien des Ökumenischen Rates der Kirchen (Peter Schreiner) und im Bereich der Fachstelle für Ökumenisches Lernen (Ecu-Learn, Dr. Gert Rüppell) gemacht werden.
Uns leitet ein Verständnis von Ökumene, das weder zur Selbstüberschätzung noch zur Lähmung führt, sondern die Aufgabe der Verknüpfung von Gemeinschaftsbeziehungen unterstreicht: "Ökumene unter den Bedingungen heutiger Globalisierung ist die unablässige Bemühung, durch die Knüpfung von Gemeinschaftsbeziehungen über alle die Menschen voneinander trennenden Grenzen hinweg zum Aufbau einer Kultur des Dialogs und der Solidarität, des Friedens und der Gewaltfreiheit, des Teilens und der Mitmenschlichkeit beizutragen" (Konrad Raiser).

Peter Schreiner, schreiner@comenius.de

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