Archiv

Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht als Referenzrahmen für Gemeindepädagogik

Matthias Spenn

Die gegenwärtige Bildungsdiskussion konzentriert sich vor allem auf schulpädagogische Reformen. Allerdings vollziehen sich wichtige Bildungsprozesse bei Kindern und Jugendlichen zeitlich vor sowie neben und außerhalb der Schule. Diese Aspekte werden im Zwölften Kinder- und Jugendbericht (2005, http://www.bmfsfj.de/) thematisiert. Im Zusammenhang von Bildung, Betreuung und Erziehung rückt die Bildungsbiografie von Kindern und Jugendlichen ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Der Bericht wurde von der "Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder- und Jugendbericht" unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts München (DJI), erarbeitet. Er wird ergänzt durch vier Materialien-Bände: Band 1 stellt Expertisen zur "Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern unter sechs Jahren" vor; Band 2 greift das Thema der "Entwicklungspotenziale institutioneller Angebote im Elementarbereich" auf; Band 3 widmet sich dem "Kompetenzerwerb von Kindern und Jugendlichen im Schulalter" und Band 4 fragt nach Voraussetzungen, Bedingungen und Formen der "Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule".

Das Thema "Bildung" stellt den konzeptionellen Rahmen dar. Unter Bildung wird allgemein der Prozess der Entwicklung einer Persönlichkeit in der Auseinandersetzung mit sich und ihrer Umwelt verstanden. "Das Subjekt bildet sich in einem aktiven Ko-Konstruktions- bzw. Ko-Produktionsprozess, eignet sich die Welt an und ist dabei auf bildende Gelegenheiten, Anregungen und Begegnungen angewiesen, um kulturelle, instrumentelle, soziale und personale Kompetenzen entwickeln und entfalten zu können." (S. 23) Das geschieht in der frühen Kindheit ebenso wie auch in Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen, die nicht an Institutionen wie die Schule oder an bestimmte Orte gebunden sind. Unter den Leitgedanken "Bildung von Anfang an" und "Bildung ist mehr als Schule" wird danach gefragt, "wie Bildungsprozesse so gestaltet werden können, damit Kinder und Jugendliche auf ganz unterschiedlichen Wegen und in möglichst breiter Form erreicht werden können." (S.18) Erstmals werden auch private und kommerzielle Akteure, Angebote und Aktivitäten mit einbezogen, die bei Kindern und Jugendlichen zum Teil einen hohen Stellenwert besitzen, aber im engeren Sinn nicht in den Verantwortungsbereich des Berichts fallen, weil sie nicht von der Kinder- und Jugendhilfe gefördert werden.

Bildungsorte und Lernwelten

Bildung ist nicht an institutionelle Zuständigkeiten gebunden, sondern kann an vielen Orten und zu jeder Zeit stattfinden. Lernen geschieht in organisierter Form oder ergibt sich lebensweltlich. Deshalb ist zwischen formaler und informeller Bildung zu unterscheiden. Lebensweltliches Lernen erfolgt als unreguliertes Lernen in der Alltagspraxis ohne besondere Vorkehrungen. Es kann immer und überall passieren. Allerdings kann es nicht gezielt herbeigeführt werden, und meist wird auch nur ein durchschnittliches Kompetenzniveau erreicht. Demgegenüber kann organisiertes Lernen durch Planung, durch systematisierte Auswertung und Verarbeitung bisherigen Lernens, durch Strukturierung in Lernschritte und durch kontrollierte Beobachtung von Lernergebnissen wesentlich besser Lernfortschritte erreichen. Die Wahrscheinlichkeit wirksamer Bildungsprozesse scheint gegenüber dem lebensweltlichen Lernen ungleich größer zu sein. Dennoch ist die organisierte Form des Lernens nicht für alle Bereiche des Lebens anwendbar, und manch einer lernt in komplexen und anregungsreichen Lernumgebungen besser als in vorstrukturierten Sequenzen.

Der Bericht trifft auch eine wichtige Unterscheidung zwischen Lerngelegenheiten, nämlich Bildungsorte und Lernwelten. Ein Bildungsort umfaßt lokalisierbare, abgrenzbare und einigermaßen stabile Angebotsstrukturen mit einem expliziten oder zumindest impliziten Bildungsauftrag. Institutionen mit expliziter Bildungsfunktion, die wenigstens durch ein Minimum an Planung und Organisation auf diese Funktion ausgerichtet sind, z.B. Schule, Kindergarten und Jugendarbeit, sind Bildungsorte. Lernwelten sind dagegen nicht an einen geografischen Ort gebunden, zeit-räumlich nicht eingrenzbar, sie haben einen geringen Grad an Standardisierung und besitzen keinen Bildungsauftrag. Bildungsprozesse kommen in ihnen gewissermaßen nebenher zustande. Typische Lernwelten sind Medien, Gleichaltrigen-Gruppen, Ferienjobs, aber auch die örtlichen Arrangements des Heimatortes und des sozialen Nahraums.

Als Sonderfall wird die Familie beschrieben, die formal zu den Lernwelten gehört, als Institution jedoch klare Strukturen und fest gefügte Ordnungen besitzt und als primäre Sozialisationsinstanz in hohem Maße Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen prägt.

Anstöße für Gemeindepädagogik

Der im Zwölften Kinder- und Jugendbericht verwendete Bildungsbegriff, der kulturelle, symbolische, soziale und individuelle Dimensionen sowie lebensweltliche Identitäts- und Sinnfragen und das Engagement für eine gerechte soziale Ordnung ausdrücklich mit einschließt, gerät durchaus in die Nachbarschaft zu Begründungszusammenhängen evangelischer Bildungsverantwortung (vgl. die Bildungsdenkschrift der EKD "Maße des Menschlichen" 2003). Der Bericht bietet der Gemeindepädagogik eine Reihe von Anregungen, sich im Kontext der gesellschaftlichen Bildungsverantwortung zu verorten. Die Unterscheidung zwischen organisiertem und lebensweltlichem Lernen mit der Perspektive auf Bildungsorte und Lernwelten sowie die Betonung unterschiedlicher Ebenen des Weltbezugs sind gemeindepädagogischen Handlungsprinzipien sehr nah. Gemeindepädagogik, die sich nicht von institutionellen Begrenzungen her, sondern am Lebenslauf orientiert, nimmt Bildungsverantwortung wahr. Sie nimmt die Familien, Bildungsprozesse der frühen Kindheit, Kindertageseinrichtungen, Schulen, Religionsunterricht und gemeindliche Gruppenarbeit ebenso wie informelle Bildungsgelegenheiten und Lernwelten in Gleichaltrigengruppen, intergenerationelle Gesellungsformen, freiwilliges Engagement bei der Gestaltung des Wohnumfelds, des Kirchengebäudes und der Nachbarschaft in den Blick. Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht bietet einen Begründungszusammenhang für das kirchliche Engagement bei der Gestaltung einer vielfältigen, anregenden Bildungslandschaft im sozialen Nahraum. Private, kirchliche, kommunale und andere Bildungsakteure können sich aufeinander beziehen, gemeinsame Bildungslandkarten entwerfen und Kooperationen gestalten. Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen fällt dabei die Aufgabe zu, als Bildungsnetzwerker und -manager zu agieren.


Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder- und Jugendbericht (Hg.), Materialien zum Zwölften Kinder- und Jugendbericht, 4 Bände, München 2005: Verlag Deutsches Jugendinstitut

Fach- und Arbeitsstellen des Comenius Instituts

© Comenius-Institut 2004-2019

Sitemap |
  • Datenschutz
  • Impressum