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Überschreiten von Grenzen

Dirk Oesselmann

Überlegungen zu Schlüsselkompetenzen Globalen Lernens

Gerechtes Zusammenleben der Menschen ist eine der zentralen Herausforderungen für die sich bildende Weltgesellschaft. Angesichts der Dringlichkeit dieser Aufgabe wird im Bildungsbereich eindeutiger als zuvor die Perspektive ethisch-politischer Verantwortung in den Mittelpunkt konzeptioneller Überlegungen und praktischer Initiativen gerückt.

In Problemanalysen wird oft das Bild der "Grenze" verwendet, um soziale, kulturelle und religiöse Spannungen und Konflikte der Gegenwart besser verstehen zu können. Die Aufhebung räumlicher Entfernungen und die zeitliche Beschleunigung von Veränderungen im Zuge der Globalisierung stellen die Gestaltung von Lebenszusammenhängen vor komplexe Aufgaben. Gleichzeitig lösen sich gerade durch Globalisierungsprozesse die Grenzen geschichtlich gewachsener sozialer Einheiten auf. Die Fragmentierung lässt Existenz sichernde lokale Lebensräume zerfallen, was faktisch immer mehr Menschen gesellschaftlich ausschließt bzw. ausgrenzt.

Unter diesen Bedingungen heißt Überleben, mit anderen in Konkurrenz zu treten. Die globale Öffnung bzw. Entgrenzung wirkt vor allem auf sozial benachteiligte Menschen als eine Bedrohung, denn ein absichernder Rahmen ist nur unzureichend gewährleistet. Aus der Sehnsucht nach sicherer Verortung entstehen fundamentalistische Strömungen. Wahrheits- und Machtansprüche gesellschaftlicher Gruppen lassen sie ihre sozialen, religiösen und kulturellen Grenzen verteidigen.

Grenzen sind ambivalent. Sie identifizieren und sichern notwendige Lebensräume, sie geben Maßstäbe für menschliches Zusammenleben. Gleichzeitig konstituieren Grenzen aber auch den Ausschluss, indem sie Herrschaftsbereiche von Interessengruppen markieren. Sie können unüberwindbar gemacht werden und Lebenseinheiten zerteilen. Konflikte entstehen, wenn eine Gruppe anderen ihren Lebensraum eingrenzt. Ausgrenzende Gesellschaftsordnungen, Kulturen oder Religionen sind Anfechtungen in einer "Welt, in der alle Raum haben" (Hugo Assmann). Alternative Weltentwürfe müssen im Globalen wie im Lokalen bei diesen Grenzen ansetzen.

Globales Lernen kann als eine Auseinandersetzung mit Grenzen verstanden werden: z.B. als interreligiöser oder interkultureller Dialog, aber auch als Verstehen fairer Handelsstrukturen. Einerseits sind Grenzen in ihrer komplexen Bedeutung für die einzelnen Menschen zu analysieren und in ihren Auswirkungen für das globale Zusammenleben zu beurteilen. Andererseits sind Grenzen zu überwinden, um sich selber in der eigenen Begrenztheit wahrzunehmen sowie ein übergreifendes Verständnis von Zusammenhängen zu entwickeln. Lernen ist ein Begehen und Überschreiten von Grenzen - nicht nur als Wissensaneignung über andere, sondern als Einlassen auf vielfältige Kontexte, Wertsysteme und Weltsichten. Dies ist ein Prozess gemeinsamen und gegenseitigen Lernens, der individuelle Fähigkeiten mit denen anderer in Beziehung setzt.

Schlüsselkompetenzen Globalen Lernens bezeichnen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur verantwortlichen Gestaltung der sozialen, religiösen und kulturellen Dimensionen von Leben. Dabei können ganz unterschiedliche Problemstellungen (z.B. Entwicklungspolitik, Gender, Umwelt, Ökumene, Interkulturalität, Überwindung von Gewalt) das leitende Interesse sein. "Schlüssel" eröffnen einen Zugang zu Bereichen, die verschlossen sind. Sie ermöglichen Übergänge und Beziehungen zwischen abgegrenzten Räumen. Die Gestaltung von Grenzübergängen oder Brücken kann in bildlicher Sprache ausgedrückt werden:

Marco Polo beschreibt eine Brücke, Stein für Stein. "Welches ist der Stein, der die Brücke trägt?" fragt Kublai Khan. "Die Brücke wird nicht durch den einen oder anderen Stein getragen", antwortet Marco, "sondern durch die Kurve des Bogens, den sie bilden." Kublai Khan sagt nichts, denkt nach. Dann fügt er hinzu: "Warum über Steine sprechen. Nur der Bogen interessiert mich." Polo antwortet: "Ohne Steine existiert der Bogen nicht." (Ítalo Calvino 1996, Die unsichtbaren Städte. München, 8.Aufl.)

Der Bogen verbindet die beiden Seiten der Brücke. Er symbolisiert einen Horizont, der Differenz und Grenzen in einer Gesamtsicht wahrnehmen lässt. Über ihn eröffnet sich ein Zusammenhang unterschiedlicher Einzelperspektiven, die sich dadurch aus einer Begrenzung lösen. Auf der sachlichen Ebene ermöglicht eine übergreifende Weltsicht vielfältige Wissensaspekte in ein System von Zusammenhängen und Wechselwirkungen zu stellen. Auf der emotionalen Ebene prägt ein solcher Horizont eine Motivation und eine Hoffnung, Verschiedenes und Ausgegrenztes zu einer Begegnung zu bringen.

Die Steine stehen für die individuellen Fertigkeiten, Lebenswirklichkeit selbstbestimmt und verantwortlich mitzugestalten. Lebensgestaltung beruht auf dem individuellen Potential, ist aber - wie die Bau-Steine einer Brücke - notwendigerweise in einen größeren Wirkungszusammenhang einbezogen. Sie können somit nur in Beziehung zu anderen zu Prozessen gesellschaftlicher Veränderung werden.

Die Brücke steht für die Verbindlichkeit gemeinsamer Lebensgestaltung. Die Begegnung der einzelnen Teile geschieht in gegenseitiger Anerkennung sowie im Zusammenkommen der unterschiedlichen Fähigkeiten. Vorausgesetzt sind kommunikative und hermeneutische Fähigkeiten, um andere zu verstehen und zu respektieren. Erst ein integrativer und partizipativer Prozess konstituiert ein Überschreiten von Grenzen.

Die einzelnen Elemente globalen Lernens ergeben ein zusammenhängendes Bild und können nicht ohne Bezug zueinander verstanden werden. Sie erhalten erst in gegenseitiger Ergänzung ihren Sinn als Schlüsselkompetenzen Globalen Lernens. Individuelle Fähigkeiten werden im Dialog mit anderen zu einem Potential gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Globales Lernen beschreibt und beschreitet einen Prozess, in Grenzgebieten handlungsfähig zu werden.

Dr. Dirk Oesselmann

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