Archiv

International-vergleichende Forschung in der Religionspädagogik

Peter Schreiner

Internationale Vergleiche sind im religionspädagogischen Feld noch relativ neu. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass fachliche Fragen über nationale und religiöse Grenzen hinaus untersucht werden.

Grundlagen und Anknüpfungspunkte dafür bieten Berichte und der Austausch zu religionspädagogischen Projekten, der z.B. über die europäischen Organisationen ICCS, EFTRE oder CoGREE und international über das International Seminar on Religious Education and Values ISREV ermöglicht wird. Jedoch sind europäische Projekte gemeinsamer religionspädagogischer Forschung bislang eher selten. Auch Europa selbst ist in der Religionspädagogik erst seit zwei Jahrzehnten zum Thema geworden. Das Feld bedarf einer Differenzierung der verschiedenen Ebenen: Religionsunterricht und religiöse Bildung, europäische Bildungs- und Wissenschaftspolitik, internationale Kooperation und vergleichende Forschung.

Das Comenius-Institut legt regelmäßig Ergebnisse aus Arbeits- und Projektgruppen zu religionspädagogischen Themen und Fragestellungen in vergleichender Perspektive vor und trägt damit zu einer Europäisierung und Internationalisierung der Religionspädagogik bei. Beispiele dafür sind Abhandlungen zum Umgang mit kultureller Vielfalt in religionspädagogischer Perspektive (Bakker u.a. 2002), zu Beispielen guter Praxis im RU in Grundschulen aus zehn europäischen Ländern (Schreiner/ Kraft/ Wright 2007) oder zum Beitrag christlicher Theologien zu religiöser Erziehung und Bildung (Schreiner/ Pollard/ Sagberg 2006). In diesen Projekten wurden empirische Befunde z.T. aus eigenen Erhebungen in den beteiligten Ländern zusammengetragen. Auch die in Kooperation mit ICCS 2007 bereits in vierter Auflage vorgelegte Übersicht zur Situation des Religionsunterrichtes in Europa mit Darstellungen aus 34 europäischen Ländern gehört in diese Reihe (Kuyk et al. 2007). In diesem Projekt hat die Erarbeitung von vergleichenden Kriterien zu einer verbesserten Qualität der Artikel in der aktuellen Ausgabe geführt.

In einem über das Comenius-Programm der Europäischen Union geförderten Projekt zum innovativen Potenzial von Mentorinnen und Mentoren MINT (2003-2007; www.mint-mentor.net) war das CI federführend beteiligt. Mentoren haben eine Schlüsselfunktion für die neu qualifizierten Lehrkräfte, weil sie den Übergang von der Ausbildungsinstitution in die Berufssituation an der Institution Schule begleiten. Es ging in diesem Projekt nicht nur um eine vergleichende Sichtung von Erfahrungen mit Mentoren-Systemen in verschiedenen europäischen Ländern, vielmehr wurden die erarbeiteten Grundlagen in europäischen Fortbildungskursen für Mentoren und ihre Unterstützer erprobt und praxisreflektierend weiterentwickelt. Die Koordinatorin des MINTProjektes, Dietlind Fischer, sagt zu ihren Erfahrungen: "Das Spannende von ‚vergleichenden‘ Projekten ist m.E., dass daraus etwas Neues, vorher nicht Bekanntes entsteht. Beispielsweise die Erkenntnis, dass das niederländische Schulwesen einschließlich der Einstellungen und Haltungen der Lehrenden in seinen Grundstrukturen demokratischer ist als unseres, was sich bis in der Art niederschlägt, wie Lehrerbildner Veranstaltungen der Fortbildung konzipieren und arrangieren."

In dem derzeit laufenden internationalen Forschungsprojekt zur Konfirmandenarbeit (www.confirmation-research.eu, Schweitzer/ Elsenbast 2009) werden über 20.000 Konfirmandinnen und Konfirmanden, ehrenamtlich Mitarbeitende und Pfarrerinnen und Pfarrer aus sieben Ländern befragt (Österreich, Dänemark, Schweiz, Deutschland, Norwegen, Schweden und Finnland).

Einen großen Forschungsverbund, gefördert von der Europäischen Union, stellt das laufende REDCo-Projekt dar ("Religion in Education. A contribution to Dialogue or a factor of Conflict in transforming societies of European Countries") mit 10 Universitäten aus 8 europäischen Ländern - federführend ist hier die Universität Hamburg mit Prof. Wolfram Weiße als Koordinator. Das CI ist dabei beratend und mit Literatur-Service tätig. Bislang wurden Darstellungen zum RU aus den beteiligten Ländern vorgelegt sowie Ergebnisse einer qualitativen und quantitativen Befragung von Jugendlichen zu Religion und religiöser Bildung. Bei den Länderberichten wird die Komplexität eines solchen vergleichenden Unternehmens sichtbar, zugleich die erforderliche Behutsamkeit einer vergleichenden Perspektive. Die Wertschätzung religiöser Heterogenität in den Gesellschaften durch die befragten Schüler/innen ist ein wichtiges Ergebnis, auch wenn durchaus Vorurteile im Umgang mit dieser Vielfalt festgestellt werden konnten. Ein hohes Maß an Zustimmung zu Ansätzen interreligiösen Lernens wird erkennbar.

Zahlreiche Fragen und Probleme tauchen bei international-vergleichend angelegten empirischen Untersuchungen auf. Wie lassen sich repräsentative Samples gewinnen? Wie können Befunde angesichts der unterschiedlichen Bedingungsgefüge der beteiligten Länder interpretiert werden? Welchen Ertrag haben vergleichende Studien? Welcher Erkenntnisgewinn lässt sich aus den Vergleichen ziehen?

Es wird keine allgemein gültigen Antworten auf diese Fragen geben, sondern sie sind in jedem Projekt eigens zu beantworten. Zukünftige Studien sollten auf vorliegenden Erfahrungen aufbauen, um weitere Schritte zu einer europäisch orientierten Religionspädagogik zu gehen. Das Ziel ist nicht, ‚fremde Praktiken‘ zu importieren, sondern eher die Stärken und Schwächen der eigenen Theoriebildung und Praxis besser verstehen und reflektieren zu können.
  • Bakker, Cok/ Olaf Beuchling/ Karin Griffioen (Hg.): Kulturelle Vielfalt und Religionsunterricht. Entwicklungen und Praxis in vier europäischen Ländern. Münster: Lit 2002.
  • Kuyk, Elza/ Roger Jensen/ David Lankshear/ Elisabeth Löh Manna/ Peter Schreiner (Eds.): Religious Education in Europe. Situation and current trends in schools. Oslo: IKO Publishing 2007.
  • Schreiner, Peter/ Friedhelm Kraft/ Andrew Wright (Eds.): Good Practice in Religious Education in Europe. Examples and Perspectives of Primary Schools. Berlin: Lit 2007.
  • Schreiner, Peter/ Gaynor Pollard/ Sturla Sagberg (Eds.): Religious Education and Christian Theologies. Some European Perspectives. Münster/ New York: Waxmann 2006.
  • Fischer, Dietlind u.a.: Improving School-based Mentoring. A Handbook for Mentor Trainers. Münster/ New York: Waxmann 2008.
  • Schweitzer, Friedrich/ Elsenbast, Volker (Hg.): Konfirmandenarbeit erforschen. Ziele - Erfahrungen - Perspektiven. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2009.

CI Informationen 2009/1

Fach- und Arbeitsstellen des Comenius Instituts

© Comenius-Institut 2004-2019

Sitemap |
  • Datenschutz
  • Impressum